„T. Rex und das Huhn“

Weltweit gibt es derzeit etwa 20 Milliarden Hühner – dreimal so viele wie Menschen. Aus biologischer Sicht, d.h. wenn nur die Anzahl an Nachkommen betrachtet wird, ist das Huhn damit einer der erfolgreichsten Vögel. Doch den meisten Hühnern geht es schlecht. Denn bei der modernen Geflügelhaltung bleibt Tierwohl häufig auf der Strecke. Im Gespräch mit Magazin N erklärt Olivia Müsseler, Projektmitarbeiterin bei Naturland, wie sie sich für artgerechte Haltung einsetzt, welche Herausforderungen es aktuell dabei gibt und warum zu ihrem Leben Hühner dazugehören.

Lesedauer 4:00 Min / 20 Apr, 2021

Du arbeitest seit 2020 als Projektmitarbeiterin bei Naturland. Womit beschäftigst du dich gerade?

Olivia: Aktuell widme ich mich drei verschiedenen Forschungsprojekten. Bei dem Projekt „Robuste Puten“ geht es um die Zucht einer Pute, welche besonders für die extensive kleinbäuerliche Haltung mit Direktvermarktung geeignet ist. Bei den beiden anderen Projekten geht es um Hühner. In dem einen erarbeiten wir Management-Empfehlung für alternative Hühnerhaltung. Das heißt weg von der Spezialisierung auf Legehennen oder Masthähnchen, und hin zu Zweinutzungsrassen. In dem Projekt „RegioHuhn“ beschäftige ich mich mit alten, heimischen Hühnerrassen, die vom Aussterben bedroht sind. Diese wollen wir durch Kreuzungszucht wieder in die kleinbäuerliche Landwirtschaft integrieren. Ob und wie das möglich ist, wird sich zeigen.

Olivia setzt sich bei Naturland für artgerechte Hühnerhaltung ein.

Wie kam es zu dem beruflichen Fokus auf Hühner?

Olivia: Mein Interesse für Hühner hat sich während meines Studiums an der Uni Bonn entwickelt. Hier habe ich Tierwissenschaften im Master studiert. Geweckt hat meine Faszination für diese Tiere meine damalige Betreuerin und Mentorin Dr. Inga Tiemann. Inzwischen halte ich sogar 15 Hennen und einen Hahn im Garten meiner Eltern in einem kleinen Ort in der Nähe von Bonn. Der Hahn und drei der Hennen gehören zu der vom Aussterben bedrohten Rasse „Ostfriesische Möwe“. Ein Vorwerk Huhn, eine Bresse Gauloise Henne, drei Schwedische Blumenhühner, zwei ausgediente Legehennen sowie ein paar wilde Mixe gehören auch zum meiner Hühnerschar.

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Auch privat kümmert sich Olivia um vom Aussterben bedrohte Rassen, wie die „Ostfriesische Möwe“.

Was fasziniert dich an den Tieren?

Olivia: Hühner sind ziemlich interessant. Was viele nicht wissen: Sie stammen von den Kammhühnern ab, welche wiederrum am nächsten mit dem Tryrannosaurus rex verwandt sind – nach derzeitigen Kenntnissen. Sie sind also kleine Mini-Dinos (lacht). Besonders interessant finde ich das Verhalten der Hühner. Zum Erkunden beispielsweise nutzen sie Schnabel und Füße, sie haben ja keine Arme. Vom ersten Picken gegen die Eischale von innen bis hin zum umfangreichen Nahrungssuchverhalten und der Gefiederreinigung spielt der Schnabel eine elementare Rolle für das Huhn. Wichtig ist er natürlich auch für die Hackordnung. Diese Ordnung ist sehr komplex, da sie nicht eindeutig hierarchisch ist, sondern auch verzwickt sein kann.  Beispielsweise kann Henne A dominant über B sein aber nicht über C, und C trotzdem dominant gegenüber B sein. Auch die „Sprache“ der Hühner ist komplex. So gibt es verschiedene Laute für verschiedene Situationen und Gefahren.

In der Legehennenhaltung sind die männlichen Nachkommen ein Problem. Naturland hat deshalb die Initiative „Bruderküken Leben schenken“ ins Leben gerufen. Worum geht es da?

Olivia: Aktuell ist es leider immer noch gängige Praxis, männliche Küken von Legehennen direkt nach dem Schlüpfen zu töten. Denn sie können keine Eier legen. Und auch für die Mast gelten die männlichen Tiere einer speziell auf das Eierlegen gezüchteten Rasse als ungeeignet. Ab 2022 soll das Töten von männlichen Eintagsküken zwar gesetzlich verboten werden. Das bedeutet aber nicht automatisch, dass Bruderküken ein artgerechtes Leben bekommen. Der Öko-Verband Naturland will echte Gleichberechtigung. Das heißt, dass Bruderküken – genau wie Hennen – artgerecht und ökologisch aufgezogen werden. Sie bekommen Bio-Futter, ausreichend Platz und Möglichkeiten, um die arteigenen Verhaltensweisen wie z.B. Scharren und Picken ausleben zu können und natürlich auch Auslauf auf der „Hühnerweide“. Das ist ein ambitioniertes Projekt, aber schon jetzt werden ca.80 Prozent der Bruderküken aufgezogen. Und spätestens Ende dieses Jahres werden es alle Bruderküken sein.

Viel diskutiert in diesem Zusammenhang wird die In-Ovo-Selektion. Hier wird das Geschlecht bereits im Ei bestimmt und Eier mit männlichen Küken aussortiert und schließlich vernichtet. Warum ist das keine Alternative für Naturland?

Olivia: Die Geschlechterbestimmung findet meist zu einem Zeitpunkt statt, wo der Embryo bereits Schmerzempfinden hat. Das Kükentöten wird somit lediglich ins Ei vorverlegt. Naturland aber geht es darum, dass auch die männlichen Küken ein Recht auf ein artgerechtes und wertgeschätztes Leben bekommen. Die Bruderhahnenaufzucht steht in der Kritik teuer zu sein. Was jedoch viele vergessen ist, dass die In-Ovo-Selektion ebenfalls teuer ist.  Das bedeutet, dass die Eier generell teurer werden müssen.

Als vielversprechender Lösungsansatz wird die Haltung von Zweinutzungsrassen gesehen. Hier legen die Hühner weniger Eier, setzen aber mehr Fleisch an als die typischen Legehennen. Das macht das Töten der männlichen Eintagsküken überflüssig. Wie unterstützt Naturland diese Haltungsform?

Olivia: Wir möchten vor allem durch die Forschung neue Möglichkeiten finden, Zweinutzungshühner bei unseren Betrieben zu integrieren. Das ist eine Herausforderung, da sie einen Nachteil haben. Sie sind zwar sowohl für das Eierlegen als auch für die Mast geeignet, kommen in ihrer Leistung jedoch nicht an die hauptsächlich genutzten Lege- und Mastlinien heran. Im Projekt „RegioHuhn“ versuchen wir beispielsweise genau solche Hühner zu züchten, die nicht stur auf Leistung getrimmt sind und es sich trotzdem rechnet sowohl Henne als auch Hahn aufzuziehen. Abschließende Ergebnisse wird es 2023 geben.

Bis dahin müssen wir uns noch ein wenig gedulden. Welchen Beitrag können Verbraucher:innen schon jetzt leisten, damit künftig alle Brüder von Legehennen aufwachsen können?

Olivia: Das ist für mich ganz klar: Beim Kauf von Eiern sollte unbedingt darauf geachtet werden, dass auf der Verpackung transparent und klar ausgewiesen wird, dass die Bruderküken aufgezogen werden. Wichtig ist hier, dass sich die Verbraucher:innen nicht von der Formulierung „ohne Kükentöten“ täuschen lassen. Denn das bedeutet häufig „mit Embryo töten“. Nur wenn auf der Verpackung steht, dass Bruderhähne aufgezogen werden – erkennbar zum Beispiel an dem Bruderküken-Logo neben dem Naturland Zeichen – können Verbraucher:innen sicher sein, dass sie einen echten Beitrag leisten, um das Kükentöten zu beenden.

Bei Naturland sollen alle Bruderküken artgerecht mit aufgezogen werden.

Und so das Ei dann auch mit gutem Gewissen genießen können. Gibt es denn bei dir das klassische Sonntags-Ei zum Frühstück?

Olivia: Selbstverständlich. Meine Mädels sind sehr fleißig und sorgen fast jeden Tag dafür, dass ein kleines Wunder der Natur im Nest liegt. Eier, die ich nicht selbst verwerten kann, gebe ich an Freunde und Bekannte weiter.

Bildrechte: ©Olivia Müsseler

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