„Im Rhythmus statt im Takt“

In welchen Momenten geht es uns gut? Was machen wir aus unverhoffter freier Zeit? Und was hat die Zeit mit der öko-sozialen Transformation zu tun? Buchautor und Zeitraumgestalter Jonas Geißler fordert im Gespräch mit Magazin N mehr Mut und Bewusstsein im Umgang mit Zeit und mehr im Rhythmus der Natur zu leben.

Lesedauer 4:00 Min / 29 Apr, 2021

Du beschäftigst dich intensiv mit dem Thema Zeit und ihrer Neubewertung im Zusammenhang mit der öko-sozialen Transformation der Gesellschaft. Selbst bezeichnest Du Dich als Zeitraumgestalter. Was heißt das konkret?

Jonas: Die Zeiträume, die ich gestalte, sind zum Beispiel Workshops, Coachings und Seminare. Ich gestalte Zeiträume, in denen über Dinge gesprochen wird, über die normalerweise nicht gesprochen wird – z.B. was es bedeutet, sinnvoll mit Zeit umzugehen oder welche zeitlichen Spannungsfelder in einem Team bestehen und wie man selbige entspannen könnte. Und ich erarbeite mit Organisationen und Unternehmen, wie sie stimmiger mit ihrer Zeit umgehen können. Mein Anliegen ist, dass wir wieder Zeit-souveräner werden. Dass alle Kompetenzen für die Zeitraumgestaltung entwickeln. Hierbei helfen Antworten auf Fragen wie: Was ist sinnvolle Zeit? Wie können wir Zeiträume so gestalten, dass wir gesund bleiben? Dass wir Spaß an unserer Arbeit haben? Dass wir nachhaltig leben? Der entscheidende Gedanke ist: Was mache ich heute, was tue ich morgen und was lasse ich einfach mal sein? Das schafft die Brücke zwischen meinem tatsächlichen Tun und dem, was mir im Leben und im Job eigentlich wichtig ist.

Dein neues Buch “Alles eine Frage der Zeit”, das du gemeinsam mit Harald Lesch und deinem Vater Karlheinz geschrieben hast, handelt davon, dass die heutige “Zeit ist Geld”-Lebensweise die öko-sozialen Krisen wie Klimawandel, Artensterben und Hunger verstärkt. Was hat Zeit mit diesen Herausforderungen zu tun?

Jonas: Mit der Erfindung der Räder-Uhr, wie wir sie heute kennen, haben wir die Zeit aus den Händen der Natur in die Hände der Menschen gelegt und sie zu einer quantitativen Messgröße gemacht. Damit leben die Menschen mit einer Illusion von Zeit – einer Vorstellung, von der sie glauben, sie sei die Zeit. In der vorindustriellen Zeit, also der Zeit, die viel stärker agrarisch geprägt war, war Zeit gleich Wetter oder Natur. Ein Hinweis darauf ist, dass in z.B. in den romanischen Sprachen Zeit und Wetter mit dem gleichen Wort beschrieben werden, z.B. das französische „le temps“. Heute haben wir die Zeit in alle vier Verfügbarkeits-Dimensionen übertragen: Sichtbar, erreichbar, beherrschbar und nutzbar. Das haben wir getan, indem wir die Natur aus der Zeit genommen und mit Geld ersetzt haben. Durch die Verrechnung der begrenzten Größe Zeit mit der unbegrenzten Größe Geld, wird es attraktiv, schneller zu werden. Das Ergebnis ist eine unglaubliche Beschleunigung und ein System, das sich dynamisch stabilisiert. Von Bevölkerungswachstum bis hin zu Energieverbrauch und der Abnahme der Artenvielfalt und den Wechselwirkungen, die dadurch entstehen. Beschleunigung braucht Energie. Hier stellt sich die Frage, wo kommt diese Energie her? Die fossile Energie, die sich über Jahrmillionen gebildet und im Boden eingelagert hat und die wir jetzt in kürzester Zeit verbrauchen, um unsere Beschleunigung und unseren Wohlstand möglich zu machen.

Wie können wir das ändern?

Jonas: Unser Ansatz ist nun, ein neues Verständnis von Zeit zu entwickeln, das mehr auf Rhythmus als auf Takt setzt – und auf gelebte, auf vielfältige Zeit: schneller und langsamer und vieles dazwischen. Anfänge, Abschlüsse, Übergänge, Warte- und Pausenzeiten sind, wenn man so will, ein bunter Strauß an vielfältig gelebten Zeitformen, die das Leben lebenswert machen und auch kulturelle Systeme stabilisieren – so wie Ökosysteme durch Biodiversität stabilisiert werden – und die ihre Qualität gleichzeitig daraus ziehen, dass sie sich eben der Steigerungslogik versperren. Es geht um die Wiederbelebung nicht beschleunigter Zeitformen. Die Muße kommt eben nicht zwischen unzähligen E-Mails zu uns, sondern wenn wir uns der Zeit hingeben und sie zu uns einladen.

© Copyright-Text

Eine zukunftsfähige Forst- und Landwirtschaft muss sich mehr an natürlichen Rythmen orientieren.

Die intensive Landwirtschaft ist ebenfalls ein Ergebnis der immer schneller werdenden Welt und des Zeitdrucks, dem wir uns alle jeden Tag aussetzen. Wie könnte eine Transformation hin zu einer zukunftsfähigen Landwirtschaft aussehen?

Jonas: Die Landwirtschaft ist die Wirtschaft, die am stärksten mit den Rhythmen der Natur in Verbindung steht UND unser Überleben sichert. Doch aktuell ist sie nur noch durch Subventionen aufrechtzuerhalten. Das zeigt, dass etwas nicht stimmt. Wir meinen, dass eine zukunftsfähige Landwirtschaft sich wieder mehr an natürlichen Rhythmen orientieren sollte. Parameter hierbei sind beispielsweise die Regeneration von Böden, die Lebenszyklen der Tiere ebenso wie die Akzeptanz von saisonalen Produkten. Öko-Landbau, wie er auch von Naturland Betrieben praktiziert wird, ist da ein erprobtes Konzept.

Hast du konkrete Zeit-bezogene Tipps für einen nachhaltigen Lebensstil?

Jonas: Es tut gut, die Zeit mal mit Humor zu betrachten und nicht nur, wenn sie uns nervt. Wir übersehen häufig die vielen Dinge und Situationen, die eigentlich gut laufen, die uns guttun und in denen wir uns wohlfühlen. Es hilft, abends im Bett oder beim Zähneputzen zu überlegen, wann ging es mir heute gut? Und was muss ich morgen tun und was kann ich eigentlich lassen?

Jonas Geissler ist Speaker und Zeitraumgestalter.

Ich rate von dem häufig praktizierten Muster ab, abends als schuldiges Subjekt ins Bett zu steigen und mir vorzuhalten, was ich alles nicht geschafft habe. Das sind eh immer mehr Dinge als wir schaffen können. Stattdessen lohnt der Blick auf die guten Zeiten des Tages. Auch wenn sie manchmal ganz klein sind und sich zwischen den Falten der Alltagsbanalität verstecken.

Ich rate außerdem oft, alle Geräte, die bimmeln und klingeln, von Push auf Pull umzuschalten. Zumindest für eine gewisse Zeit am Tag. Selbst zu entscheiden ändert etwas am Gefühl der Souveränität über die eigene Zeit. Außerdem möchte ich zu mehr Mut im Umgang mit Zeit anstiften. Dazu etwas auszuprobieren und anders zu machen. Sich also selbst mit der Zeit-Brille zu betrachten, die eigenen Muster zu erkennen und dann anti-intuitiv zu handeln. Das kann man z.B. ausprobieren, wenn ein Termin ausfällt. Wie reagiere ich, was sind meine Muster? Sind sie konträr zu meinen Wünschen und Sehnsüchten? Könnte ich in so einer Zeit nicht das ausleben, nach dem mich eigentlich sehne.

Bildrechte: ©Nils Schwarz ©Oekom Verlag ©Getty Images

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