„I wui Bio und basta“

Lorenz Lex stellte 1979 seinen Hof auf Bio um. Drei Jahre später wurde er einer der ersten Mitglieder des Verbands, der dieses Jahr 40 Jahre alt wird: Naturland. Die Anfänge waren so hart, dass es einem Wunder gleicht, dass der Betrieb noch besteht – und sogar floriert. Ein Gespräch mit Lorenz Lex und seiner Tochter Bernadette Lex vom Biohof Lex im bayerischen Bockhorn.

Lesedauer 3:30 Min

Lorenz und Bernadette Lex

Liebe Frau Lex, ladies first: Wieso sind Sie in die Fußstapfen Ihres Vaters getreten? Muss man als älteste Tochter den Hof übernehmen – oder war das Ihr Traum?

Bernadette Lex: Im Gegenteil! Als ich mit der Schule fertig war, wollte ich den Hof eigentlich nicht übernehmen: Hier war so vieles kaputt, weil niemand es reparieren konnte. Mein Vater hatte immer wieder Krankheitsschübe, und ich habe vor und nach der Schule mit Müh und Not die Stallarbeit geschafft. Wir hatten ja damals noch Kühe.

Mögen Sie über Ihre Krankheit erzählen, Herr Lex?

Lorenz Lex stellte seinen Hof bereits 1979 auf Bio um.

Lorenz Lex: Ich war 28, als ich einen Knoten am Hals bemerkte: Lymphdrüsenkrebs. Der Onkologe hat mir gleich Chemo-Infusionen mitgegeben, aber mein Hausarzt hatte wenig Hoffnung, dass mich die heilen würden. Also bin ich zu einem Homeopathen. Der meinte: "Das wird wieder." Allerdings solle ich meine Felder nicht mehr spritzen und den Kunstdünger weglassen. Das war 1979. Ich fand dann einen Ökolandbau-Experten, Dr. Richard Storhas, der mir bei der Umstellung half. Die nagelneue Spritze hab' ich gleich wieder verkauft. Von heut' auf morgen war Schluss mit Chemie. Und mit Fleisch, denn die pflanzliche Ernährung gehörte zu meiner Krebstherapie.

Richard Storhas hat dann drei Jahre später, also vor 40 Jahren, Naturland mitgegründet …

Lorenz Lex: … zum Glück! Diese Gemeinschaft hat mir sehr viel Halt gegeben. Wenn alle um dich herum sagen: Du bist ein Geisterfahrer, dann schaffst du es nicht alleine. Wir hatten ja zunächst Ertragseinbrüche. Die Nachbarn sagten sogar: "Der Lex geht pleite." Wir konnten die neuen Bio-Produkte nicht einmal als Bio vermarkten, nicht die Zuckerrüben, nicht die Milch. Es gab nur konventionelle Molkereien! Wir haben dann immerhin einen Metzger gefunden, der bereit war, unser Rindfleisch zu Bio-Preisen zu vermarkten.

Wie haben Sie Ihre Kindheit als Tochter des ersten Bio-Bauern weit und breit erlebt, Frau Lex?

Bernadette Lex: Als meine Schwestern und ich klein waren, galten wir ganz klar als Außenseiter. Zur Grundschule bin ich immer geradelt, weil die anderen mich im Schulbus so gehänselt haben: 'Ihr baut ja nur Unkraut an!'

Und trotz dieser Hürden, der Vater schwer krank, Ihr eigenes Außenseitertum, sind Sie dann doch Bio-Bäuerin geworden …

Bernadette Lex: … mit Leib und Seele! Ich wache jeden Morgen auf und freue mich auf die Arbeit. Ich kann dieses Glück selbst kaum fassen, denn es ist immer viel zu tun, und Kinder hab' ich ja auch. Mir hat nach der Schule die Arbeit auf einem anderen Biohof die Augen geöffnet: Da lief der Betrieb prächtig – und die Familie war sehr nett. Danach hab' ich das Abitur nachgemacht und Agrarwissenschaft studiert.

Dann haben Sie auch die konventionelle Landwirtschaft kennengelernt. Hat Sie das nie gereizt?

Bernadette Lex: Nein! Auf der Berufsschule gab's den Spruch: "Glyphosat kannst saufa!" Mich hat soviel Dummheit geschüttelt. Nicht nur mein Vater hatte ja diesen Krebs, seine Schwester hatte ihn auch. Sie sind alle beide mit Agrarchemikalien groß geworden. Meine Tante ist früh gestorben.

Lorenz Lex: Für mich ist die Arbeit Seelenmedizin. Bio-Bauer zu sein ist ein echtes Abenteuer! Wir erleben hautnah alle Wechselfälle der Natur. Heute bauen wir vor allem Sonderkulturen an, Buchweizen, Hanf, Mohn, Quinoa, Dinkel. Unsere Braunhirse ist begehrt, weil ihr hoher Siliziumgehalt Knochen und Gelenken hilft. Unsere Lupinen sind perfekter Eiweißersatz für Veganer.

Auf dem Biohof Lex werden vor allem Sonderkulturen wie Buchweizen angebaut.

Ist der Bio-Hof Lex bio-vegan?

Bernadette Lex: Für unseren Hof habe ich die Vision, nur gesunde Pflanzen anzubauen - heilsam für den Mensch, gut für den Boden. Getreidesorten wie Buchweizen oder Hirse entziehen fast kein Stickstoff und Mineralien, so dass wir mit sehr wenig tierischem Dünger auskommen. Den liefert uns unsere Legehennenherde. Die Hühner verwerten die Ernteabfälle. Insofern: Nein, wir wirtschaften nicht völlig vegan, aber die Grundlage unseres Wirtschaftens ist ein lebendiger Boden. Den müssen wir erhalten, für unsere Kinder, unsere Kundinnen und Kunden. Für die Wildkräuter und Blumen. Bei uns brummt's und summt's; im Sommer tirilieren Feldlerchen und Kibitze.

Klingt idyllisch. Hand aufs Herz: Kann Ihre Art der Landwirtschaft die Welt ernähren?

Lorenz Lex: Ein Großteil des Getreide verfüttert die Menschheit heute an Tiere. Wenn wir die gesunden Feldfrüchte selbst essen würden, könnte der Ökolandbau auch eine wachsende Weltbevölkerung ernähren. Und die Natur würde aufblühen.

Gelten Sie eigentlich heute noch als Geisterfahrer als Bio-Bauer?

Lorenz Lex: Ganz und gar nicht. Heute fragen sich viele, ob sie nicht selbst die Geisterfahrer sind. "Das Spritzen freut mich gar nit mehr", klagt ein Nachbar oft. Viele geben mir ihre Flächen gerne zur Pacht: Mein Betrieb hat sich von 30 auf 200 Hektar vergrößert. "I wui Bio und basta", hat neulich einer zu mir gesagt.

Der Biohof Lex ist ja auch in anderer Hinsicht Vorreiter: Hier haben Frauen das Sagen.

Bernadette Lex: Nicht nur das Sagen: Wir machen auch alles, sogar Schweißen und Flexen. Mähdrescher fahre ich seit 30 Jahren! Wir Schwestern haben ja immer die Arbeit gemacht, wenn mein Vater wieder Schübe hatte. Vielleicht macht es deshalb heute soviel Spaß, weil wir alles können.

Lorenz Lex: Meine größte Freude ist, dass meine vier Töchter sich für den Ökolandbau begeistern. Es ist ja kein leichter Weg. Die Starkregen werden immer schlimmer; wir schaffen oft kaum, zwischen zwei Gewittern das Beikraut wegzuhacken. Aber Aufgeben kommt nicht infrage. Wir werden die Welt öko ernähren – oder gar nicht. Davon bin ich überzeugt.

Bildrechte: © Markus Dlouhy | Naturland | Adobe Stock

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