Agroforst und die Revolution im ökologischen Kaffeeanbau

Anne Hessenland treibt seit 2012 im Auftrag des größten international aktiven Öko-Verbands Naturland von Tansania aus die Umstellung in den afrikanischen Kaffeeanbaugebieten von konventioneller Anbauweise auf nachhaltige Agroforstsysteme an: Das jüngste Projekt in Burundi steht kurz vor der Öko-Zertifizierung.

Lesedauer 3:30 Min / 9 Okt, 2020
© Naturland
Alles kahl. Und das in einem Land, indem es neun Monate pro Jahr regnet. Anne Hessenland hatte schon einiges in Afrika erlebt, doch was sie 2014 bei ihrem ersten Besuch in Burundi sah, machte die studierte Ernährungs- und Versorgungsmanagerin sprachlos. In dem kleinen, dicht besiedelten Land mit den vielen Hügeln gab es kaum noch Bäume.

Kaffeeanbau in Monokultur-Plantagen – heute leider die gängige Praxis.

Alles abgeholzt. Da die Regierung Mischanbau verboten hatte, brauchten die Menschen für jede Frucht ein eigenes Feld. Auch zwischen den Kaffeepflanzen durften keine Bäume mehr wachsen. Mit verheerenden Folgen: Monokulturen, Bodenerosion, Wasserverschmutzung durch Pestizide und Verarmung der Kleinbäuerinnen und Kleinbauern. „Zum Glück ändern sich die Zeiten in dem ostafrikanischen Land, das zu den ärmsten der Welt gehört, langsam“, sagt Anne Hessenland.
„Agroforst bringt den Kaffee zurück in die natürliche Umgebung“
Agroforst heißt das Zauberwort für 17 Kaffee-Kooperativen in Burundi. Ein Projekt, das aus Mitteln des Landes Baden-Württemberg über die Stiftung Entwicklungs-Zusammenarbeit Baden-Württemberg (SEZ) gefördert und unter anderem von Anne Hessenland betreut wird. Die Umstellung von konventionellen auf ökologischen Kaffeeanbau erfolgt für vier der 17 beteiligten Kooperativen dabei nach den strengen Richtlinien von Naturland, die weit über die der EU-Ökoverordnung hinausgehen, da sie auch soziale und faire Handelsbedingungen einschließen. „Dieses nachhaltige Anbausystem orientiert sich am natürlichen Stockwerkaufbau des Regenwaldes. Denn Kaffee kommt eigentlich aus dem tropischen Wald“, erklärt die Kaffee-Expertin. So sieht eine Agroforst-Anbaufläche nach Naturland Vorgaben aus: Zwischen Kaffeesträuchern werden Schattenbäume gepflanzt. Mindestens zwölf unterschiedliche und standortgerechte Arten von nährstoffbindenden Bäumen und Bananen-, Zitrus-, Obst- und Nutzholzbäumen müssen es sein.

Aufbau eines Agroforstsystems.


„Die Vielfalt an Pflanzen und Bäumen bringt zahlreiche Vorteile für das Ökosystem und auch für die Menschen“, weiß Anne Hessenland von Öko-Kaffeeprojekten in ihrer Wahlheimat Tansania. Am Fuße des Kilimandscharo, wo viel Kaffee angebaut wird, lebt die 42-jährige seit 2012 mit ihrem Mann und den beiden kleinen Söhnen. Das Laub der Bäume wirkt als natürlicher Dünger, fördert die Humusbildung und schützt vor Bodenerosion und Austrocknung. „Nützlinge wie Vögel, Insekten und Chamäleons siedeln sich wieder an und halten Schädlinge in Schach, so dass kein Chemieeinsatz nötig ist“, erläutert sie. Die Kleinbauern und -bäuerinnen profitieren davon. Denn neben den Kaffeekirschen können sie auch Bananen, Mangos, Avocados, Kürbisse und Heilpflanzen ernten und auf den Märkten in der Nähe verkaufen.

„Der Ertrag bei den Öko-Kaffeekirschen hat sich schon verdreifacht“

Jede Kaffeekirsche wird einzeln per Hand gepflückt.

In Burundi befinden sich aktuell vier der 17 Kooperativen in der Naturland Zertifizierungsphase. „Doch die Corona-Pandemie mit ihren Reisebeschränkungen funkte 2020 dazwischen“, seufzt Anne Hessenland. Sie hätte sich so gefreut, wenn die engagierten Kleinbauern und -bäuerinnen nach mehr als drei Jahren Umstellungsarbeit endlich das Naturland Siegel erhalten hätten.
Doch vieles hat sich vor Ort schon zum Positiven verändert. „Anfangs lag die Erntemenge eines Kaffeestrauchs bei rund einem halben Kilo. Jede Kaffeekirsche wird per Hand gepflückt. Nach drei Jahren waren es schon gut eineinhalb Kilo. Wenn sich das Agroforstsystem etabliert hat und die Schattenbäume höher gewachsen sind, kann der Ertrag bis auf drei Kilo hochgehen“, berichtet die 42-jährige. Auch die Lebenssituation der beteiligten Bauernfamilien habe sich deutlich verbessert. Bei einer durchschnittlichen Familiengröße von sieben Personen trifft das auf mehr als 70.000 Menschen in Burundi zu. „Als ich das erste Mal da war, hatten die meisten Menschen auf dem Land gar keine Schuhe“, erinnert sie sich. „Mittlerweile können sich viele Familien besser ernähren, ein Stück Vieh kaufen oder das Geld aufbringen, um ihre Kinder auf weiterführende Schulen zu schicken.“
„Diese Art des Kaffeeanbaus ist eine nachhaltige Kombination aus öko, sozial und fair“
Doch es gibt noch viel zu tun. In den Baumschulen in Burundi wachsen gerade 40.000 Bäume für weitere Agroforstsysteme heran. Im kommenden Jahr sollen im Rahmen des Projektes 42.000 Bananensetzlinge an die Kaffeebauern und -bäuerinnen ausgegeben werden. „Bananen haben den Vorteil, dass sie relativ schnell wachsen“, erklärt Anne Hessenland. Wie die Wurzeln von Bodendeckerpflanzen binden auch sie Stickstoff und geben diesen als Nährstoff an die Erde ab. Wovon wiederum die Kaffeepflanzen profitieren. Und die Umwelt. Studien belegen, dass ökologische Schattenkaffeepflanzungen mindestens eine Tonne mehr Kohlenstoff pro Hektar binden als Kaffeeplantagen ohne Schattenbäume. Grund ist die erzeugte Biomasse, die im Boden zu Humus aufgebaut wird. Das entspricht 3,7 Tonnen CO2 pro Hektar und Jahr. Eine nur schwer vorstellbare Zahl, doch Anne Hessenland sieht und spürt es bei jedem Besuch in Burundi mit eigenen Augen: Viele der kahlen Flächen leuchten dank des ausgeklügelten Anbausystems mittlerweile in unterschiedlichen Grüntönen.

Seit 2012 ist Anne Hessenland für Naturland in Burundi im Einsatz.

Und auch die Bauern und Bäuerinnen profitieren von dieser Art des Kaffee-Anbaus: „Neben den Kaffeekirschen können sie auch Obst, wie z.B. Bananen und Gemüse, wie z.B. Kürbis ernten. Diese können sie dann auf den Märkten in der Nähe verkaufen“, berichtet Anne Hessenland. „Außerdem bekommen sie Feuerholz durch das Beschneiden der Schattenbäume.“ Diese vielfältige Nutzung auf kleinem Raum gibt den Bäuerinnen und Bauern eine größere wirtschaftliche Sicherheit, eine höhere Unabhängigkeit und trägt zur Nahrungssicherung bei.

Bildrechte: Naturland

Schon gewusst?

Fair von Brasilien bis Indonesien

Drei Kaffeekooperativen aus Mexico – Indígenas de la Sierra Madre de Motozintla (ISMAM) –, Nicaragua – Unión de Cooperativas Tierra Nueva (COSATIN) – und Äthiopien – Kafa Forest Coffee Farmers‘ Cooperative Union (KFCFCU) sind Naturland Fair Mitglied und liefern in eine faire Handelsbeziehung. Weitere Standards neben Naturland Fair stärken auf ihre Art den fairen Handel.

Fundament für mehr

Bereits 23 Prozent der Arbeitgeber in Deutschland bieten öko-fairen Kaffee an (vgl. Kaffeereport 2020). Es werden jährlich mehr. Unser Artikel inspiriert hoffentlich weitere Kaffeetrinker beim Kauf auf öko, sozial und fair zu achten.

Kaffee-Genuss mit bestem Gewissen

Das Naturland Fair Zeichen garantiert, dass der Kaffee aus naturverträglichen Anbau stammt und die Bäuerinnen und Bauern für ihre Arbeit eine gerechte Entlohnung erhalten. Erhältlich der Kaffee mit einem der höchsten Öko und Fair-Standards im Naturkost-Fachgeschäften, in ausgewählten Drogeriemärkten sowie gut sortierten Supermärkten.

Agroforst = Klimaschutz

Ökologische Agroforstsysteme binden nachweislich mehr CO2. Ganz konkret: Die weltweite Gesamtfläche, auf der Naturland Kaffee angebaut wird, spart insgesamt 214.000 t CO2 ein. Diese Menge entspricht der Emission von 100.000 Flügen von Berlin nach New York.

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