Heimisches Bio-Gemüse auch im Winter

Draußen ist es kalt. Die Bäume sind kahl, die Felder liegen brach. Die Landschaft scheint im Winterschlaf zu sein. Kaum vorstellbar, dass zu dieser Jahreszeit Gemüse gedeihen soll. Ein Besuch bei Naturland Landwirt Amadé Billesberger jedoch zeigt: Gemüse und Winter passen zusammen

Lesedauer 3:30 Min / 2 Mär, 2021
© Dirk Bruniecki
Der Hof von Amadé Billesberger, besser bekannt als Biobauer Mogli, liegt vor den Toren Münchens im idyllischen Moosinning. Bei den meisten landwirtschaftlichen Betrieben ist jetzt feldfreie Zeit. Nicht so am Billesberger Hof. Hier herrscht auch in den Wintermonaten rege Betriebsamkeit auf dem Acker. „Gerade ernten wir für die Biokisten, die wir einmal wöchentlich an private Haushalte bis nach München liefern. Rein kommt, was gerade Saison hat.
Heute zum Beispiel Grünkohl, Schwarzwurzeln und Lauch“, erklärt der junge Landwirt. Am Feld immer mit dabei: Hund Balu – wie auch sonst sollte der treue Begleiter von Mogli heißen? „Die größte Herausforderung beim Anbau von Wintergemüse ist es, den richtigen Zeitpunkt beim Säen und Pflanzen zu erwischen. Ein bisschen Glück gehört hier auf jeden Fall dazu“, so der 39-Jährige. Doch Wintergemüse hat auch seine Vorteile: „Alles was im Spätsommer oder im Herbst gesät und gepflanzt wird, wächst langsamer. Damit ist das Risiko, dass die Pflanzen auswachsen sehr viel geringer“, erklärt Mogli.

Bunte Gemüsevielfalt gibt es auf dem Billesberger Hof auch im Winter.

„Meine größte Motivation Gemüse rund um das Jahr und insbesondere im Winter anzubauen ist, dass so immer Frisches auf dem Teller landet.“

Schwarzkohl – ein saisonales, heimisches Superfood.

Neben dem erntefrischen Gemüse gibt es auf dem Billesberger Hof außerdem einen großen Vorrat an Lagergemüse. Ende Herbst, Anfang Winter wird beispielsweise Schwarzkohl, Weißkraut, Gelbe Rüben, Pastinaken und Knollensellerie geerntet und eingelagert. „Ganz wichtig dabei: Wir waschen das Gemüse nicht, sondern lagern es mitsamt den Erdresten ein. Diese dienen als natürliche Konservierung und halten Karotten & Co lange frisch“, so Mogli. Vor rund 12 Jahren hat er den Betrieb seines Vaters in sechster Generation übernommen und direkt auf bio umgestellt. Inzwischen hält er Hühner in drei Hühnermobilen, bayerische Bergschafe und Ziegen und bewirtschaftet 72 Hektar nach den strengen Richtlinien des Öko-Verbands Naturland.

„Für mich war von Anfang an klar, dass ich nach den Prinzipien der ökologischen Landwirtschaft arbeiten möchte. Das ist meiner Meinung nach die einzig vernünftige Art, Lebensmittel zu produzieren.“

Neben dem Gemüseanbau hält Mogli Hühner in drei Hühnermobilen.

Eine naturnahe und -verträgliche Landwirtschaft fängt für Mogli schon beim Saatgut an. Bei ihm kommt nur samenfestes zum Einsatz, das heißt aus den Pflanzen können wieder Samen gewonnen und Nachkommen gezogen werden. Das ist bei dem inzwischen weit verbreiteten Hybridsaatgut nicht möglich. „Hybridsaatgut sorgt für Gleichmäßigkeit im Wuchs, perfektes Aussehen und hohe Erträge. Mir kommt es allerdings vor allem auf einen intensiven Geschmack an – da darf die Karotte dann auch mal krumm sein“, erklärt Mogli schmunzelnd. Man merkt, dass der Gemüseanbau seine Leidenschaft ist. So überrascht es nicht, dass sich unter den rund 100 verschiedenen Sorten, die das ganze Jahr über am Billesberger Hof angebaut werden, auch einige Raritäten finden, wie beispielsweise die Rote Bete Sorte Tondo di Chioggia, der Romansalat Forellenschluss oder Blattzichorie Catalogna. Eine wichtige Voraussetzung dafür:

„Ein gesunder und humusreicher Boden ist die Grundlage für starke und gesunde Pflanzen.“

Konkret bedeutet dies für Mogli, einen bodenschonenden Ackerbau zu betreiben, auf chemisch-synthetische Pflanzenschutzmittel zu verzichten und regelmäßig zu kompostieren. Und das wird belohnt – mit einer geschmackvollen Gemüsevielfalt im Winter wie im Sommer.

Bilder © André Goerschel, Amadé Billesberger, David Seitz, Michael Weide

Schon gewusst?

Warum die Karotte heute orange ist

Ursprünglich waren Karotten violett oder weiß. Die orange Farbe bekamen die Karotten erst im 16. Jahrhundert von holländischen Pflanzenzüchtern verpasst. Mehrere Legenden ranken sich um diese Geschichte. Eine besagt, dass die Pflanzenzüchter Prinz Wilhelm von Oranien für den Unabhängigkeitskampf gegen Spanien danken wollten und ihm daher ein Gemüse in seiner Wappenfarbe züchteten. Wie auch immer es dazu kam, eines steht fest: Die Holländer haben der Karotte ihre orange Farbe gegeben.

Kult um den Kohl

Im nordwestlichen Niedersachsen – von Ostfriesland bis nach Südoldenburg und Bremen – wird die Kohlsaison ganz besonders zelebriert. Zum Grünkohlessen gehört dort traditionell eine Kohltour. Diese wird vom im Jahr zuvor gewählten Kohlkönigspaar organisiert. Hauptbestandteil ist eine Wanderung zum ausgewählten Ausflugslokal, wo dann Grünkohl mit Pinkel serviert wird. Seit 1956 lädt auch die Stadt Oldenburg in der Hauptstadt zum „Defftig Ollnborger Gröönkohl-Äten“ ein. Jedes Jahr wird dort ein/e Spitzenpolitiker:in zum/zur Kohlkönig:in gewählt. So durften zum Beispiel bereits Angela Merkel, Robert Habeck und Franziska Giffey diesen Titel tragen.

Hybrid im Trend

Mehr als 70% der in Deutschland gewerblich genutzten 2.600 Pflanzensorten sind Hybridzüchtungen. Hybridsaatgut erfreut sich vor allem aufgrund der hohen und homogenen Ernte an Beliebtheit. Allerdings sind Hybridpflanzen nicht nachbaufähig, sprich aus ihren Samen können keine neue Pflanze gezüchtet werden. Anders beim samenfesten Saatgut. Da dieses aber immer seltener verwendet wird, gelten inzwischen etwa drei Viertel der samenfesten Sorte, die noch vor 100 Jahren weltweit auf den Feldern zum Einsatz kamen, als verloren.

Arche Noah für Pflanzen

Auf der norwegischen Inselgruppe Spitzbergen, 1.300 Kilometer vom Nordpol entfernt, lagert tief unter der Erde ein globaler Saatgut-Tresor. Der Inhalt: knapp 1,2 Millionen samenfeste Samenproben wichtiger Nutzpflanzen wie Mais, Reis und Weizen. Eingerichtet wurde der Saatgut-Speicher 2008, um im Falle eines Atomkriegs oder einer Naturkatastrophe die Ernährung der Menschheit zu sichern.

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