Ab auf die Weide

Die braun-weiß gefleckte Kuh auf der sattgrünen Weide – nur ein gern genutztes Werbebild für Bayern? Nicht bei Jakob Sichler im Chiemgau. Denn sobald die Temperaturen steigen und das Gras saftig grün ist, heißt es für die 45 Milchkühe auf dem Großrachlhof: Die Freiluftsaison beginnt. Es geht ab auf die Weide. Warum das sowohl den Tieren guttut als auch Natur und Mensch davon profitieren, erklärt uns der Naturland Landwirt bei einem Besuch auf seinem Hof.

Lesedauer 4:00 Min / 5 Mai, 2021
© Naturland
Der Großrachlhof, einer der ältesten Erbhöfe Bayerns, liegt südlich vom Chiemsee. Weite Felder. Blühende Wiesen. Und im Hintergrund das Alpenpanorama. Jakob Sichler führt seit 2018 den Hof zusammen mit seiner Frau Mirjam in der 17. Generation. Die 18. ist schon geboren. „Uns zeichnet eine sehr lange Familientradition aus. Seit fast 600 Jahren ist der Hof im Besitz der Sichlers. Für mich war von Anfang an klar, dass ich ihn weiterführen möchte“, erzählt Jakob.

Bereits im Alter von fünf Jahren wusste er: „Ich will Bauer werden“ und damit in die Fußstapfen des Vaters und Großvaters treten. Vater Josef, der auch nach der Übernahme seinem Sohn mit Rat und Tat zu Seite steht, freut das: „Er ist von klein auf in das Leben und Arbeiten am Hof reingewachsen und ich habe ihm auch schon frühzeitig Verantwortung gegeben. So hat das mit der Hofübergabe optimal geklappt. Und wir sind einfach ein richtig gutes Team“, schwärmt der Altbauer. Letzteres zeigte sich insbesondere 2009: Gemeinsam haben Jakob und Josef eine zukunftsweisende Entscheidung getroffen: Die Umstellung auf bio. „Uns für die ökologische Wirtschaftsweise zu entscheiden war von Herzen klar, aber von der Arbeitsweise hatte ich es ganz anders gelernt. Heute reut mich nur, dass wir diesen Schritt nicht schon früher gewagt haben“, erzählt Josef und ergänzt „Bei der Entscheidung für Bio haben wir uns schnell für die Mitgliedschaft im Öko-Verband Naturland entschieden. Hier haben wir fachliche Beratung bekommen und auch gute Chancen für den Absatz unserer Milch.“ Seitdem die Sichlers nach den strengen Richtlinien des Öko-Verbands Naturland arbeiten, hat sich einiges geändert.

„Seit wir ökologisch wirtschaften, gehen unsere Kühe wieder auf die Weide.“

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Ab auf die Weide: Grasende Kühe sorgen für gesunden Boden und eine intakte Landschaft.

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Kühe auf der Weide sind heute keine Selbstverständlichkeit mehr: Etwa die Hälfte aller Milchkühe Deutschlands sieht in ihrem Leben kein einziges Mal eine Weide. Bei Naturland ist Weidehaltung allerdings verpflichtend in den öko-sozialen Richtlinien vorgegeben. Die Molkerei Berchtesgadener Land, an die Familie Sichler die Bio-Milch liefert, fördert Weidhaltung für die konventionellen Mitglieder in der Genossenschaft mit einer extra Prämie. „Reine Stallhaltung ist für uns nicht mehr vorstellbar. Denn wir haben schnell gemerkt: Den Kühen geht es auf der Weide besser“, erzählt der junge Landwirt. Das könne man sowohl an der gepflegten Optik und ihrem vitalen Verhalten erkennen, als auch daran, dass sie von alleine gesund kalben. Das sei im Konventionellen anders gewesen. Weniger Platz und damit mehr Stress im Stall haben sich auf die Tiere ausgewirkt und zu Komplikationen beim Kalben geführt. Jetzt haben die Kühe auf dem Großrachlhof richtig viel Platz – auf der Weide und im Stall. Rangkämpfe und andere Stresssituationen sind passé.

Die kräuterreiche Fütterung der Kühe wirkt sich positiv auf den Geschmack der Milch aus.

„Es geht darum im Einklang mit der Natur zu arbeiten, nicht gegen sie.“

Naturverträglich arbeiten heißt für den Naturland Landwirt in Kreisläufen zu denken und zu arbeiten. „Damit es unseren Kühen gut geht, brauchen wir einen gesunden Boden. Denn dieser ist Voraussetzung für artenreiche Wiesen. Für die Kuh ist es wichtig, diese Vielfalt an Gräsern und Kräutern zu haben, die nicht alle gleich schmecken und die gleichen Vitalstoffe liefern – genau wie wir Menschen eben auch nicht jeden Tag das Gleiche essen wollen. Und wenn es den Kühen schmeckt, dann entsteht beste Milch“, erklärt Jakob. Übrigens: Forscher:innen der Christian-Albrechts-Universität zu Kiel haben herausgefunden, dass eine solche kräuterreiche Fütterung den bei der Verdauung entstehenden natürlichen Methanausstoß der Kühe reduziert.

Und Weidehaltung hat weitere positive Effekte auf unsere Umwelt: Durch die Tritte und Bisse der Tiere wird das Gras- und Wurzelwachstum angeregt. Das fördert die Humusbildung und sorgt für fruchtbare Böden, die große Mengen CO2 speichern können. Außerdem verbessert sich dadurch das Wasserhaltevermögen der Böden – sie können also Wasser besser aufnehmen und sind unter anderem für Wetterextreme besser gerüstet. Durch die Weidehaltung schaffen Sichler Junior und Senior also nicht nur einen Mehrwert für ihre Kühe, sondern auch für Natur und Mensch. Belohnt wird das von der Molkerei Berchtesgadener Land: Die Genossenschaftsmolkerei und Naturland Fair Partner der ersten Stunde zahlt einen fairen und überdurchschnittlichen Milchpreis und ermöglicht es Landwirten wie Jakob tiergerecht und naturverträglich zu arbeiten. So sieht „öko fürs wir“ – das Leitmotiv von Naturland – aus!

Bilder © Molkerei Berchtesgadener Land

Schon gewusst?

Was das Wetter mit der Milch zu tun hat

Eine alte Bauernregel lautet: „Es weiß der schlaue Bauer, dass die Milch vor Gewittern wird sauer.“ Stimmt das? Ja und nein: Gewitter gehen meist einher mit schwül-warmen Temperaturen. Und wenn es sehr warm ist, erhöht sich die Aktivität der Milchsäurebakterien in der Milch. Diese wandeln den Milchzucker in Milchsäure um und lassen die Milch sauer werden. Damit stimmt die alte Bauernregel. Allerdings haben wir heute Kühlschränke, die für eine gleichbleibend kühle Temperatur sorgt und die Milch vor Umwelteinflüssen schützt. Ausführliche Infos dazu gibt es hier: https://bergbauernmilch.de/de/faq.html

Fair – im Norden wie im Süden

Das Naturland Fair Zeichen steht für öko und fair aus einer Hand. Es garantiert, dass Landwirt:innen weltweit von ihren Erzeugnissen leben und ist die Grundlage, dass diese mit dem ökologischem Landbau einen Mehrwert für Natur und Mensch schaffen können – genau wie Jakob Sichler. Er bekommt von der Molkerei Berchtesgadener Land einen fairen, überdurchschnittlichen Milchpreis gezahlt. Das garantiert das Naturland Fair Zeichen auf der Milchpackung. Was Naturland Fair bei Olivenöl und Oliven bedeutet, könnt ihr hier nachlesen: https://magazin-n.de/de/n-machen/40-aus-liebe-zu-mensch-natur-und-land

Wie kommuniziert die Kuh?

Kühe kennen nur circa zehn verschiedene Laute und Rufe. Wichtiges Kommunikationstool ist für sie deshalb auch die Körpersprache. Kühe haben einen 360° Rundum-Blick und können so anhand der Körperhaltung der anderen Kühe erkennen, ob diese gut oder schlecht gelaunt sind. Und auch wir Menschen können so erkennen, wie die Kuh gestimmt ist. Mehr Infos dazu findest du in unserem Magazin N Alm-Knigge.

Klimakiller Kuh?

Eine Kuh ist so klimaschädlich wie ein Kleinwagen. Denn beim Verdauen stößt sie Methan aus. Anita Idel, Autorin und Tierärztin, findet: Hier muss man genauer hinsehen. Denn der wichtige Zusammenhang zwischen Wiederkäuern, Pflanzen und Boden wird meist nicht berücksichtigt: Weidetiere lösen durch die Tritte und Bisse einen Wachstumsimpuls aus. Dieser regt zur Fotosynthese und zum Wurzelwachstum an. Dadurch bildet sich Humus. Und jede Tonne Humus im Boden kann rund 1,8 Tonnen CO2 speichern.

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