2030 Bäume als Botschaft – und für den Klimaschutz

Mehr und mehr Agroforst – das ist die Richtung, die Sebastian Frey für seinen Naturland zertifizierten Betrieb mit Legehennen- und Rinderhaltung vor einigen Jahren eingeschlagen hat. Für den 34-Jährigen ist die Kombination von Bäumen mit Acker- und Weideland die Landwirtschaft der Zukunft. Nur bei den politischen Rahmenbedingungen hakt es. Eine Lösung dafür hat aber er schon parat.

Lesedauer 3:40 Min

© Sebastian Frey
Klimawandel und der Erhalt der Artenvielfalt – zwei der ganz großen Themen unserer Zeit. Für die Berufsgruppe der Landwirt:innen mehr als für viele andere auch von existenzieller Bedeutung. Das weiß auch Sebastian Frey. Der studierte Öko-Agrarwirt, der in seiner Arbeit als Landwirt voll aufgeht, will davon leben und gleichzeitig der Natur viel Gutes zurückgeben können.

Deshalb hat er das Prinzip des Agroforsts für sich und den mit seinen Eltern gemeinsam geführten und seit 1992 nach den Richtlinien des Öko-Verbandes Naturland zertifizierten Betrieb im unterfränkischen Monbrunn gewählt. Die ersten Erfahrungen mit dieser Art des Landbaus machte Sebastian auf dem Öko-Betrieb von Sepp Braun in Freising.

„Erst die zunehmende Trockenheit, Ernterückgänge und Futtermangel haben uns deutlich gemacht, dass das, was in Tansania gilt, womöglich auch hier auf uns zukommt: unter solch trockenen Bedingungen, die wir in Zukunft haben werden, müssen Bäume auf die Flächen, um weiter wirtschaften zu können“, erzählt der 34-Jährige. „Selbst, wenn wir die am höchsten gesteckten Klimaziele erreichen, wird die Durchschnittstemperatur auch bei uns ansteigen.“

Hecken und Obstbäume bieten den Legehennen im Freilauf Schutz vor Beutegreifern.

„Unsere Landwirtschaft müssen wir den neuen Bedingungen anpassen.“

Insgesamt 2030 Bäume hat Familie Frey auf ihrem Naturland Betrieb allein in diesem Jahr gepflanzt.

Das erste eigene Agroforstprojekt nahm der gebürtige Franke 2017 in Angriff. Damals pflanzten die Freys in den Hühnerauslauf des Zwei-Generationen-Betriebs verschiedene Hecken und Obstbäume. So erhielten die rund 4.000 Tiere aus drei Hühnermobilen auf dem Gelände eine große Auslauffläche und zeitgleich Schutz vor Greifvögeln.

Doch der Hühnerauslauf war erst der Anfang. Sebastians neuestes Projekt ist größer: Im Mai 2021 pflanzte er mithilfe von Familie und Freunden 2030 Bäume – die Zahl der Agenda 2030 wählte er natürlich ganz bewusst. Denn die Pflanzung der verschiedenen Pappelsorten und Robinien (auf einem Hektar) trägt auf der insgesamt fünf Hektar großen Ackerfläche maßgeblich zum Klimaschutz bei: Die Bäume auf dem Feld, auf dem nach wie vor verschiedenste Feldfrüchte wie Hafer und Kartoffeln angebaut werden, dienen nun als Windfang, sorgen für weniger Bodenerosion und helfen dem Boden, Wasser besser zu speichern.

„Wir wollen unseren Beitrag zum Klimaschutz leisten.“

In etwa zehn bis 15 Jahren werden die Pappeln erstmals geerntet, zu Hackschnitzeln verarbeitet und unter den Hühnermobilställen verteilt. Sie saugen den Hühnerdung auf, werden dann kompostiert und anschließend wieder auf dem Feld ausgebracht: Ein geschlossener Kreislauf – nur ein Teil, der für eine zukunftsträchtige Landwirtschaft unabdingbar ist. „Wir haben verschiedene Landwirt:innen besucht, Erfahrungen über Bäume auf dem Acker gesammelt und Studien gelesen. Letztendlich waren wir erstaunt und ernüchtert, wieviel Arbeitszeit für die Pflege einer solchen Pflanzung in den ersten drei Jahren notwendig ist“, erklärt Sebastians Vater Ulrich Frey: „Die ist es uns aber wert!“ „Wir wollen einen Beitrag zu einer klimaresilienten Landwirtschaft leisten, die auch in der Zukunft eine gute Nahrungsmittelversorgung sicherstellt“, fügt Sebastian hinzu.

„Agroforst muss dringend politisch gefördert und finanziert werden.“

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Sebastian Frey (links) und Jens Burmester beim Pflanzen der Robinien und Stecken der Pappeln.

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Die Unterstützung der Projekte durch den Öko-Verband Naturland und Verbraucher:innen sowie Partnerschaften mit Unternehmen ist für die Freys essenziell, da es keine öffentliche Finanzierung gibt. „Aktuell dürfen Landwirt:innen nur auf eigenen Flächen Bäume pflanzen. Knapp 60 Prozent aller landwirtschaftlich bewirtschafteten Flächen in Deutschland sind aber gepachtet. Wenn die Politik nun ihren Verpflichtungen für eine zukunftsfähige Landwirtschaft nachkommt und dabei Agroforst gezielt fördert, werden wir bald wieder mehr Bäume und Artenvielfalt in unserer Kulturlandwirtschaft finden“, hofft der studierte Öko-Agrarwirt.

Denn die große Herausforderung beim Agroforst ist es, die Bäume als Naturschutz-fördernde Maßnahme wirtschaftlich in den Betrieb zu integrieren. Doch so oder so: Die nächste große Pflanz-Aktion ist bei den Freys schon in Planung…

Bilder: © Der Bauernhof Familie Frey; © Nadja Steinbach, Naturland e.V.

Schon gewusst?

Agroforst ist keine Neuerfindung

Die Agroforstwirtschaft ist prinzipiell nichts Neues. In Deutschland gab es sie bereits im Mittelalter, zum Beispiel in Form von Streuobstwiesen rund um Ortschaften oder sogenannten Hutewäldern für die früher übliche Eichelmast von Schweinen. Zum Ende des 19. Jahrhunderts verschwanden diese Bewirtschaftungssysteme aber aus der Agrarlandschaft. Die Landwirtschaft wurde durch den zunehmenden Maschineneinsatz immer stärker intensiviert und rationalisiert. Bäume und Sträucher empfand man dabei als störend und entfernte sie.

Agroforst ist viefältig

Agroforstsysteme sind in unterschiedlichen Ausprägungen weltweit verbreitet. Die Vielfalt hinsichtlich ihrer Gestaltung, Artenzusammensetzung und Bewirtschaftung ist groß. Sie reicht von Shifting-Cultivation- und Homegarden-Systemen wie in den Tropen und Subtropen, Aquakulturen in Mangrovenwäldern bis hin zu Knicks und Kurzumtriebs-Alley-Corpping-Systemen, vor allem in Mitteleuropa. Agroforstsysteme werden entsprechend ihrer Haupt-Komponenten in silvoarable Systeme (Bäume mit Ackerkulturen), silvopastorale Systeme (Bäume mit Tierhaltung) und agrosilvopastorale Systeme (Bäume mit Ackerkulturen und Tierhaltung) unterteilt.

Alternativen zu Monokulturen

Anstatt großflächig und viele Jahre in Folge die gleiche Feldfrucht anzubauen, sogenannte Monokulturen, gibt es einige alternative landwirtschaftliche Systeme: wie Misch- und Permakulturen. Unter Mischkultur versteht man zum Beispiel ein Beet mit vielen unterschiedlichen Gemüsesorten. Hier müssen die Pflanzen zueinander passen, damit sie nicht um die Nährstoffe konkurrieren. Der Permakultur liegt ein möglichst naturnahes Gärtnern zu Grunde. Bei dieser Anbauart soll Landwirtschaft dauerhaft bestehen, indem sie sich weitestgehend selbst reguliert.

Das ist Naturland

Naturland ist einer der größten Öko-Verbände in Deutschland und weltweit. Mehr als 100.000 Bäuerinnen und Bauern in 60 Ländern der Erde zeigen, dass ein ökologisches, soziales und faires Wirtschaften im Miteinander ein Erfolgsprojekt ist. Allein in Deutschland gehören über 4.400 Erzeuger:innen dieser Gemeinschaft an. Weltweit ist die Mehrzahl der Naturland Bäuerinnen und Bauern in Kleinbauernkooperativen und Erzeugergemeinschaften organisiert. Damit steht Naturland wie kein anderer Öko-Verband für den harmonischen Zweiklang von Regionalität und Internationalität in einer globalisierten Welt.

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