Bio-Bullen, Wellness-Urlaub und Streichelzoo – ein Hof für alle Wünsche

Christoph Erhard ist Landwirt aus Leidenschaft: Seinen Naturland zertifizierten Bussjägerhof betreibt er im Nebenerwerb. So, wie etwa die Hälfte aller deutschen Bauern. Nebenbei heißt dabei allerdings, dass Christoph Erhard trotzdem sehr viel Zeit mit seinem „Hobby“ verbringt. Dass sich das finanziell ausgeht, dafür sorgt allerdings hauptsächlich das von ihm und seiner Frau mit viel Liebe geführte Urlauberparadies, idyllisch gelegen zwischen Staffelsee und Rottenbuch in Oberbayern.

Lesedauer 4:30 Min

© Bussjägerhof
Langsam erwacht die Nacht zum Tag, die Vögel zwitschern, frischer Waldduft strömt in die Nase. Es schaukelt ein wenig, hier oben, im Baumzelt. Eine schwebende Übernachtung in der Luft ist nur eine der Besonderheiten auf dem mehrfach prämierten Bussjägerhof, der Bio-Ferienhof der Familie Erhard.
Grüne Wiesen und Berge, weite Blicke auf das oberbayerische Fünfseenland und ab und an ein Muhen im Ohr: Hier ist Traumurlaub Alltag. Ein Spiegel der Naturverbundenheit des seit 300 Jahren in Familienbesitz befindlichen Hofs. Und so ist die ökologische Landwirtschaft der Erhards auch nach den Kriterien des Bio-Verbands Naturland ausgerichtet, wonach sie großen Wert auf artgerechte Tierhaltung legen, weder chemische Pflanzenschutzmittel noch Kunstdünger einsetzen und schon gar keine Gentechnik. Mit der nachhaltigen Ausrichtung ihrer Landwirtschaft will das Paar den jahrhundertealten Betrieb erhalten und ihre Kinder in eine möglichst sichere Zukunft führen.

Für Familie Erhard ist Öko-Landwirtschaft eine Herzensangelegenheit.

„Viele Gäste sind erstaunt, dass man von Landwirtschaft allein nicht leben kann.“

2007 entschied sich der Vier-Generationen-Betrieb, von der Milchviehhaltung auf Rinderzucht umzustellen und mehr Platz für Urlauber zu schaffen. Heute umfasst das Angebot vier Wohnungen, zwei separate Ferienhäuser sowie drei Stellplätze für Wohnmobile. Die Rinderaufzucht betreiben Christoph und Steffi im Nebenerwerb. „Viele Gäste sind erstaunt, dass man von Landwirtschaft allein oftmals nicht leben kann und diese nur quasi als Hobby betreibt“, erzählt Christoph. „Aber bei Nebenerwerbslandwirten fallen jeden Tag viele Aufgaben an. Vor allem der ständige Kontakt zu den Tieren ist unglaublich wichtig.“

„Die großen Gewinne bleiben leider irgendwo auf dem Weg zwischen Erzeuger und Verbraucher hängen."

Die 25 Rinder grasen mehr als die Hälfte des Jahres auf der Weide. Im Winter bewegen sie sich frei in den Boxen des neuen Stalls, haben viel Platz und können es sich auf frischem Stroh gemütlich machen. Auf dem Bussjägerhof werden die Kälber mit drei Monaten gekauft und als Bullen nach zwei Jahren geschlachtet – das ist deutlich länger als in der konventionellen Rindermast. „Viele unserer Gäste beschäftigen sich bei uns zum ersten Mal mit der Frage, woher eigentlich das Fleisch kommt, das sie essen und welche Arbeit dahintersteckt“, sagt Christoph Erhard. „Ich nehme die Leute gerne mit in den Stall und spreche über unsere Geschichte, unsere Werte und die Grundsätze, für die wir stehen. Auch ist es mir wichtig, ihnen zu erklären, dass die großen Gewinne leider nicht beim Landwirt bleiben. Sie bleiben irgendwo auf dem Weg zwischen Erzeuger und Verbraucher hängen.“

Seine Frau nickt und ergänzt „Gerade bei den Erwachsenen bemerken wir große Berührungsängste mit den Tieren und wenig Wissen über das, was auf den Teller kommt“, erzählt Steffi Erhard. „Durch die Erlebnisse auf unserem Hof schaffen wir auf schöne und so einfache Weise viel mehr Verständnis für nachhaltige Landwirtschaft und alles, was dazu gehört.“

„Abenteuer und Wellness schließt sich bei uns nicht aus. Umso mehr die Kinder beschäftigt sind, umso entspannter die Eltern.“

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Abenteuer für Kinder zu jeder Jahreszeit: Von Ponyreiten bis Schlittschuhfahren.

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Nachhaltig sind auch die Ferienerlebnisse auf dem Bussjägerhof: Kinderlachen und freudiges Jauchzen schallt im Sommer vom Biopool. Für große Begeisterung bei den kleinen Gästen sorgen auch die Spielwiese, der Abenteuer-Wald und der Platz in der alten Scheune, der heute unter Denkmalschutz steht.

Der Naturpool am Bussjägerhof sorgt für kühle Erfrischung im Sommer.

Und wenn die kleinen Racker an keinem dieser vielen Spiel-Orte sind, findet man sie fast garantiert bei den Tieren: beim Ponyreiten, beim Streicheln von Hasen oder Kälbchen, bei den Rindern, Schweinen, Schafen oder Ziegen. Im Winter gibt es sogar einen eigenen Skilift am Hof. Der Bio-Pool wird dann zur kleinen Schlittschuharena. So lässt es sich aushalten. Auch für die Eltern, die in einem Saunastadl und bei einer Massage die Ruhe genießen können. „Abenteuer und Wellness schließt sich bei uns nicht aus. Umso mehr die Kinder beschäftigt sind, umso entspannter die Eltern“, sagt Steffi Erhard.

Bilder: © Bussjägerhof

Schon gewusst?

Hühner, Schweine und Co.

Zu einem Urlaub auf dem Bauernhof gehören Tiere einfach mit dazu. Die meisten Agrotourismus-Anbieter halten Tiere - deutschlandweit sind es mehr als 80% aller Höfe. Neben Nutztieren wie Kühe, Schweine, Hühner, Ziegen oder Pferde halten Betriebe mit dem Nebenerwerbszweig „Urlaub auf dem Bauernhof“ oftmals auch Katzen, Hunde oder Kaninchen, die vor allem bei Kindern sehr beliebt sind. Unterschiede zeigen sich in den Regionen: In Bayern, Nordrhein-Westfalen und Mecklenburg-Vorpommern finden sich die meisten Unterkünfte bei Höfen, die sich auf Milchvieh- oder und andere Tierhaltung spezialisiert haben. In Rheinland-Pfalz dominieren die Weingüter.

Urlaub auf dem Bio-Bauernhof

Knapp 300 Naturland Höfe mit einem touristischen Angebot gibt es in Deutschland. Bereits seit 1982 zertifiziert der Verband ökologische Landwirtschaftsbetriebe. Naturland Bäuerinnen und Bauern erfüllen strengere Regeln als die EU-Ökoverordnung vorschreibt: sie halten zum Beispiel weniger Tiere pro Acker- oder Weideland, setzen auf artenreiche Kulturlandschaften und eigene Tierwohlkontrollen und verzichten auf chemisch-synthetische Dünger und Pestizide. Unter naturland.de/urlaub gibt es eine Übersicht aller Urlaubshöfe.

Bauernhof erleben – und fürs Leben lernen

Bauernhöfe sind Lernorte. Schafft er doch für viele Kinder und auch Erwachsene erste Berührung und Erfahrung mit landwirtschaftlichen Betriebe und den Prozessen der Lebensmittelerzeugung. Die Qualifizierung als Erlebnisbauer oder -bäuerin ermöglicht es Landwirten und Landwirtinnen, den Betrieb für unterschiedliche Gruppen zu öffnen. Von Hofführungen bis zu Programmen für Schulklassen: die pädagogisch ausgearbeiteten Angebote sind vielfältig. Ob Streuobst-Pädagog:in oder Kräuterspezialist:in: die Möglichkeiten auf Spezialisierung sind vielfältig.

Wenn Landwirtschaft allein nicht ausreicht

Knapp jeder zweite landwirtschaftliche Familienbetrieb in Deutschland wird nur noch im Nebenerwerb bewirtschaftet (Stand 2020). Viele Bauernfamilien, deren betriebliche Einkommensgrundlage zu gering ist, stehen vor der Entscheidung, z.B. mit erheblichen Kosten in neue Ställe oder eine bessere Vermarktung zu investieren. Ohne diese Wachstumsschritte ist für viele Familien kein ausreichendes Einkommen mehr zu erwirtschaften. Um nicht komplett aus der Landwirtschaft aussteigen zu müssen,setzen sie ihren Betrieb auf zusätzliche Standbeine. Das reicht von der Gästebeherbergung wie Urlaub auf dem Bauernhof, Direktvermarktung oder der Führung von Schulklassen bis hin zur außerbetrieblichen Tätigkeit in einem anderen Unternehmen.

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