Die jeden Baum kennen

Im Jahr 2005 gründete der Kulturanthropologe Nasser Aburfaha die genossenschaftlich organisierte Erzeugergemeinschaft Canaan Oil und stellte damit die Weichen für eine ökologische Landwirtschaft im Westjordanland. Nachfolgend fingen Kleinbauernbetriebe an, ihre Olivenhaine auch nach Naturland und Naturland Fair Richtlinien zu bewirtschaften und die Erträge fair zu vermarkten. Heute sind 84 Betriebe in Palästina unter „Canaan Fair Trade“ versammelt und begeistern mit ihren hochwertigen Olivenölen Genießer auf der ganzen Welt.

Lesedauer 4:00 Min

© Jörg Böthling
Basema Baramehs Haus befindet sich in der am Hang liegenden Ortschaft Anza im Westjordanland. Vom Balkon ihres Wohnzimmers bietet sich ein wunderbarer Panoramablick über das weite Land. Olivenbäume soweit das Auge reicht: Sie prägen den Charakter dieser ländlichen, aber doch eng besiedelten Region. Engagement und ökologisches Bewusstsein gehören zum Leben von Basema Barameh.

Sie besitzt einen Olivenhain mit einer Fläche von gut einem Hektar, den sie nach Naturland Richtlinien bewirtschaftet. „Ich habe eine sehr enge Bindung zu meinen Olivenbäumen, kenne jeden Baum“. Sie ist Mutter von vier Kindern, ihr Ehemann arbeitet als Lastwagenfahrer. Die Pflege- und Schnittarbeiten im Hain machen einzelne Familienmitglieder alleine, manchmal unterstützt von Fremdarbeitskräften. Zur Erntezeit im Oktober aber packen alle sechs Baramehs gemeinsam an, die Großen und die Kleinen.

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Basema Barameh in ihrem Olivenhain.

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In ihrem Garten baut Basema Barameh vieles für die Selbstversorgung an, von Kichererbsen über Minze und Petersilie bis hin zu verschiedenen Bohnen und Kartoffeln. Ihr Obstgarten bietet eine immense Vielfalt: Clementine, Kaktus, Limone, Orange, Granatapfel, Zitrone, Walnuss und Feige stehen hier dicht beieinander.  

Sie wachsen alle im Einklang mit der Natur. Denn bei Naturland wird der ganze Betrieb und nicht nur der Olivenhain allein betrachtet und zertifiziert. So gelten die ökologischen Standards auch stets für alle Betriebszweige: Viehhaltung, Gemüse- und Obstanbau sowie Getreide. Das bedeutet kein Einsatz von synthetischen Pyrethroiden, Fungiziden oder Herbiziden und kein Einsatz von künstlichem Dünger – dafür umso mehr Herzblut. 

Aber auch die Menschen kommen unter Naturland Fair Standards nicht zu kurz. Die lokale Wirtschaft wird unterstützt und die gesellschaftliche Mitsprache aller gefördert. Die fairen Handelsbeziehungen garantieren langfristige Warenabnahme und gemeinschaftliche Qualitätssicherung. Die Sozialrichtlinien garantieren Zahlung von Mindestlöhnen auf Naturland zertifizieren Betrieben und – selbstverständlich – das Verbot von ausbeuterischer Kinderarbeit. Außerdem sorgt die genossenschaftliche Struktur von Canaan Oil für faire Prämien-Ausschüttungen an den Vermarktungs- und Vertriebsaktivitäten.

„Wir Frauen und Mütter haben die Aufgaben, die uralte Tradition der Olivenkultur an die nächste Generation weiterzugeben, ihnen das landwirtschaftliche Wissen zu vermitteln.“

Basema Barameh ist auch Vorsitzende des örtlichen Frauen-Verbands. Sie bedauert, dass Schulen und Universitäten vielerorts noch allein auf konventionelle Anbaumethoden ausgerichtet sind. Die Zukunft sieht die Macherin in moderner Technik, weil diese die schwere Arbeit auf den Feldern enorm erleichtert. Das sind aus Basema Baramehs Sicht keine Gegensätze, sondern perfekte Ergänzungen. Damit könnte man auch junge Leute wieder für die Bewirtschaftung der Oliven begeistern. Vorausgesetzt, es fließt ausreichend Wasser, denn das ist knapp in Palästina.

Technik erleichtert die schwere Arbeit auf den Feldern

Die Felder von Baramehs Genossenschafts-Kollegen Firas Sadaqis befinden sich östlich der israelisch-palästinensischen Demarkationslinie, nahe der Kleinstadt Jenin. Ein Hektar ist für Weizen, Gerste und Gemüse reserviert, der Rest ist mit Olivenbäumen bestanden. Die meisten sind zwischen 20 und 100 Jahre alt. Die Ölmenge pro Baum reicht von 15 bis 32 Liter pro Ernte. Firas Sadaqis ist froh, dass die Olivenfliege in seiner Region kein großes Problem darstellt. Zwischen seinen Bäumen erntet er Klee, welches er als Futter für eine kleine Herde von zehn Schafen nutzt. Den Dung der Tiere bringt er auf die Felder auf. Firas Sadaqi arbeitet seit 14 Jahren nach den Naturland Richtlinien und ist sehr zufrieden mit der Zusammenarbeit.

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Neben Oliven sorgen Weizen, Gerste und Gemüse für Einkommen.

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„Ich kenne den Geschmack der Oliven jeden Baumes.“

Weltweit nach Fair Richtlinien vermarktet.

Gut fährt auch Ibrahim Hassan Sadaqa mit Naturland. Er baut neben Oliven Mandeln sowie Weizen und Gemüse an und hält 13 Mutterschafe. Die Hälfte der Lebensmittel für die Versorgung der Familie kommt vom eigenen Hof. Etwa 75 Prozent des eigenen Olivenöls liefert er bei Canaan Oil ab, rund die Hälfte der Schafsmilch verkauft er auf dem lokalen Markt. Seine zwölfköpfige Familie kommt wirtschaftlich gut über die Runden, nicht zuletzt, weil das Olivenöl weltweit erfolgreich vermarktet wird. Wenn es so weitergeht, sagt Ibrahim Hassan Sadaqa, müsse er sich um die Hofnachfolge keine Sorgen machen.

Bilder: © Jörg Böthling

Schon gewusst?

Oliven kommen aus der Schule

Aufforsten ist ein wichtiger Bestandteil der ökologischen Landwirtschaft. Deshalb werden in den Naturland zertifizierten Olivenhainen im Westjordanland junge Setzlinge gepflanzt. Insgesamt wurden bereits 25.000-30.000 neue Olivenbäume gesetzt. Die Olivenbetriebe ersetzen mit ihnen kranke Bäume oder erschließen zusätzliche Flächen. Dadurch entstehen jährlich 200 Hektar mit jungen Olivenkulturen. Im Verhältnis zu den europäischen Erzeugungsländern Italien, Griechenland und Spanien liegt die Neuanbau-Quote unter den Canaan-Mitgliedern damit recht hoch. In Trockenzeiten brauchen die jungen Bäume zusätzliche Bewässerung. Deshalb werden die Setzlinge in Baumschulen vorgezogen und geschult.

Olivenöl als Schönheitselixier

Längst hat die Kosmetikindustrie das Olivenöl für sich entdeckt. Es wird gerne in Cremes verarbeitet, da Inhaltsstoffe wie Tocopherol oder Polyphenole vor freien Radikalen schützen und so der Hautalterung vorbeugen. Zudem verbessern sie die Wundheilung.
In Olivenöl enthaltene Carotinoide werden in Sonnenschutzmitteln verarbeitet, da sie gegen UV-Strahlung schützen. Man kann es aber auch sehr gut pur zur Hautreinigung nutzen oder mit Salz mischen und damit ein schnelles - und zugleich wirksames - Peeling herstellen.

Dipp dich glücklich

Wer sich den komplexen Geschmack von Bio-Olivenöl auf der Zunge zergehen lassen möchte, sollte es mit Weißbrot genießen. In Palästina wird gerne schon zum Frühstück warmes Brot in Olivenöl gedippt, um mit Energie in den Tag zu starten. Einfach ausprobieren!

Tipps für die Lagerung

Olivenbäume brauchen Sonne, um viele - und vor allem hochwertige - Früchte zu tragen. Doch sobald die Oliven zu Öl verarbeitet werden, gilt das Gegenteil. Olivenöl-Flaschen sollten an einem kühlen und dunklen Ort gelagert werden. Bei falscher Lagerung kann selbst das beste Bio-Olivenöl ranzig werden. Man kann die Flasche durchaus in den Kühlschrank stellen und eine Viertelstunde vor Gebrauch einfach bei Zimmertemperatur „aufwärmen“ lassen. Doch auch bei richtiger Lagerung empfiehlt es sich, das Olivenöl möglichst schnell aufzubrauchen. Frisch schmeckt es einfach am besten.

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