Toskana-Landgut LaSelva: Naturland von Anfang an

Als der Münchner Karl Egger 1980 in die Toskana zog, wollte er statt verwässerter Tomaten lieber schmackhafte, natürlich gereifte Feldfrüchte anbauen – frei von Pestiziden, ohne Kunstdünger. Schon bald keimte in ihm der Gedanke, dass hier in der Maremma aus seiner Liebe für gutes Essen etwas Größeres werden könnte. Etwas, von dem nicht nur der Mensch, sondern auch die Natur profitieren wird. Das wollte er voranbringen und gründete mit Gleichgesinnten den Verband Naturland: vor genau 40 Jahren.

Lesedauer 4:00 Min

© LaSelva

Der bayrische Unternehmer Karl Egger, Gründer des Elektromarktes ProMarkt und des Jazz-Plattenlabels ECM, hatte keine praktische Erfahrung in Sachen Landwirtschaft, als er 1980 in der Toskana loslegte. Dafür aber genaue Wertmaßstäbe und ein Ziel.

„Ich wollte raus, die Jahreszeiten erleben und endlich wieder Lebensmittel genießen, die ihren Namen verdienen und so schmecken, wie ich sie aus meiner Kindheit in Erinnerung hatte: natürlich, intensiv und unverfälscht“, erinnert sich der heutige Ruheständler. Von seinen italienischen Nachbarn belächelt, suchte Egger in Deutschland immer wieder den Austausch mit Gleichgesinnten. Menschen, die wie er davon überzeugt waren, dass Landwirtschaft weder künstliche Düngemittel noch giftige Pestizide, sondern vor allem gesunde, humusreiche Böden braucht. Weil es für den Anbau von Bio-Produkten damals weder in Deutschland noch in Europa einheitliche Richtlinien gab, gründeten er und neun weitere Öko-Pioniere vor 40 Jahren den Verband Naturland. Der Rest ist Geschichte.

LaSelva-Gründer Karl Egger

Peter Hüller (links) und Karl Egger auf dem Gut von LaSelva in Maremma.

„Karl Egger kam nicht als verklärter Aussteiger, sondern als engagierter Bio-Durchstarter in die Toskana“, sagt Peter Hüller, geschäftsführender Gesellschafter der LaSelva Toskana Feinkost Vertriebs GmbH in Deutschland. „Seinem unternehmerischen Geschick und seiner felsenfesten Bio-Überzeugung ist es zu verdanken, dass das einst nur 7 Hektar umfassende Gut heute ein über 600 Hektar großer, erfolgreicher und biodiverser Landwirtschaftsbetrieb mit eigener Verarbeitung ist.“ Hüller ist seit 32 Jahren bei LaSelva. Eine lange Betriebszugehörigkeit sei bei LaSelva eher die Regel als die Ausnahme, sagt Monika Mayer, die wiederum seit 22 Jahren in Italien die Qualitätssicherung verantwortet: „Darin zeigt sich Karl Eggers gute Menschenkenntnis. Er wusste intuitiv, wen er wie einsetzen muss, damit die Menschen sich wertgeschätzt und am richtigen Ort fühlen.“ Seit 2018 bescheinigt das Naturland Fair Siegel das soziale Engagement des Landwirtschaftsbetriebs in Italien auch Schwarz auf Weiß.

„Karl Egger wusste intuitiv, wen er wie einsetzen muss, damit die Menschen sich wertgeschätzt und am richtigen Ort fühlen.“

Die Mitarbeiter:innen auf dem Gut verarbeiten die frischen Produkte zu leckerer Feinkost.

Überall herrscht Geschäftigkeit. In der Mitarbeiterküche wird gemeinsam gekocht, im Hofladen werden die Regale aufgefüllt. In der Manufaktur ist eine Gruppe Frauen dabei, Zwiebeln zu schälen. Im Hof räumt eine Familie ihren Kofferraum aus und beginnt, ihre Taschen in den ersten Stock zu tragen: Jahr für Jahr kommen immer mehr Urlauber auf das Gut. Hier lässt es sich gut aushalten: Zypressen betonen die geschwungene Kulturlandschaft wie mit senkrechten Pinselstrichen. Felder mit Getreide, Auberginen, Artischocken, Tomaten und Weinberge erstrecken sich in einem kunstvollen Arrangement mit Blick auf die tyrrhenische Küstenlandschaft. Dazwischen Biotope, Wälder und brachliegende Flächen, in denen es summt, brummt, flattert und trippelt. LaSelva bedeutet auf Deutsch: „die Wildnis“.

Emanuel Adam lenkt Reihe um Reihe eine kleine Erntemaschine durch den bereits kniehoch stehenden Bio-Basilikum. Eine scharfe Klinge trennt die besonders aromatischen Spitzen ab. Flinke Hände picken das ein oder andere unerwünschte Beikraut vom Förderband, bevor die kostbaren Blätter locker in Kisten aufgeschüttet werden. Mit jeder Minute intensiviert sich das typische Aroma Bella Italias. Damit davon nicht zu viel verloren geht, werden die vollen Kisten auf schnellstem Weg zurück zum Gut gebracht. Ernten, Waschen und ab in die Verarbeitung der Cucina LaSelva.

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Inmitten der geschwungenen Kulturlandschaft der Toskana liegt das Gut LaSelva.

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„Hier auch Tiere zu halten war für Karl Egger eine logische Konsequenz: Bio-Landwirtschaft braucht tierischen Mist für die Humusherstellung.“

„Papa, komm!“ Ein kleiner Urlauber fleht seinen Papa an, ob er jetzt endlich zu den Tieren darf. Die putzigen Apennin-Schafe mit ihren langen Ohren und die mächtigen, fast weißen Chianina-Rinder sind freilich mehr als eine Touristenattraktion. „Hier auch Tiere zu halten war für Karl Egger eine logische Konsequenz: Bio-Landwirtschaft braucht tierischen Mist für die Humusherstellung“, erklärt Monika Mayer. „Um die Bodenfruchtbarkeit zu erhöhen, bauen wir auch Gründüngungspflanzen wie etwa Luzerne in einer mehrjährigen Rotation an. Letztere werden nicht nur untergepflügt, sondern auch an die Tiere verfüttert. So schließt sich der Kreis.“

Appenin-Schafe auf dem Gutshof.

2016 hat Karl Egger die Geschäftsführung an Christian Stivaletti abgegeben. Genau wie sein Vorgänger ist der ruhige Toskaner kein Selbstdarsteller. „Unsere hochwertigen Produkte, unsere Philosophie und Mitarbeitertreue, ja unser ganzer Betrieb sprechen für sich“, sagt Christian Stivaletti und fügt hinzu:

„Egal, wie die Nachfrage ist: Wir würden niemals Kompromisse in Sachen Lebensmittelproduktion und ökologischer Verantwortung zulassen.“

Im italienischen Marketingteam ist Karl Eggers Tochter Caroline gemeinsam mit ihrem Lebensgefährten verantwortlich; Tochter Elodie kümmert sich als Nachhaltigkeitsbeauftragte um die zahlreichen Biodiversitätsprojekte, die ihr Vater im Laufe der Jahrzehnte ins Leben gerufen hat. Das international agierende Vertriebsteam hat mit Andreas Englmeier die Geschäftsführung erweitert und nun auch den Generationswechsel eingeläutet. In Deutschland, dem wichtigsten Absatzmarkt für die Bio-Feinkost-Produkte von LaSelva, hat der Vertrieb seinen Sitz in Gräfelfing. Gleich neben der Geschäftsstelle von Naturland.

LaSelva und Naturland: Die zwei gehören zusammen. Seit 40 Jahren.

Bilder: © LaSelva

Schon gewusst?

Der richtige Riecher.

Schon die alten – und vor allem sehr schlauen – Griech:innen verwendeten gerne Basilikum in ihrer antiken Küche. Der Name Basilikum, bei uns etwas lieblos als Küchenkraut betitelt, kommt ursprünglich aus dem griechischen. Er setzt sich aus „basileus“ König und „ozein“ riechen zusammen. Wer sich selbst vom königlichen Geruch überzeugen möchte: einfach ein Blatt Basilikum zwischen den Fingern reiben und die ätherischen Öle einatmen.

Sorry AC/DC!

Erde, Wasser, Licht: so haben wir es in der Schule gelernt, braucht die Pflanze zum Wachsen und Gedeihen. Jetzt sagt die Wissenschaft, mit Musik geht es noch höher hinaus. Pflanzen haben keine Ohren aber jede Zelle ist von einer empfindlichen Membran umgeben, die auf Schallwellen reagiert. Doch nicht alle Klänge bringen Pflanzen in Wachstumsstimmung. Vivaldi, Mozart, Hayden scheinen positive Schwingungen auszulösen, wohingegen sie bei Hard Rock und Heavy Metal die Köpfe hängen lassen.

Kunst & Wein.

Florenz, Pisa, Siena, seit den 70iger Jahren entdecken Kultur- und Kunstschätzende mit Begeisterung die Toskana für sich. Und nicht nur sie: auch für Weinkenner:innen bietet die Toskana allerlei Kostbarkeiten. Brunello di Montalcino, Vino Nobile di Montepulciano und Chianti Classico genießen Weltruhm und sind nicht ganz unbeteiligt an der Namensgebung der sogenannten Rotweinfraktion, die die Toskana nicht nur als Treff- und Rückzugsort für politische Gespräche für sich nutzte.

Sumpf & Meer.

Wer die bezaubernden aber vollen Städte hinter sich lässt und ins toskanische Hinterland Richtung Rom weiterzieht, kommt in die Maremma. Das ehemalige Sumpfland hat sich seine raue Ursprünglichkeit bewahrt. Hier trifft man kaum Touristen dafür auf Wildschweine. Wälder, Thermalquellen, Etruskergräber und verschlafene Mittelalter-Städtchen sind am besten zu Fuß oder mit dem Rad zu erkunden. Und die Strände sind tatsächlich noch ein Geheimtipp. Bis jetzt.

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