Für Kohlrabi, Fenchel und Lauch auf den Engelsberg

Gute Lebensmittel, regionaler Kauf und persönlicher Kontakt sind für viele Verbraucher nicht erst seit der Coronakrise wichtig. Bei Familie Reichlmayr in der Nähe von Fürstenfeldbruck bekommen Kunden all das direkt im Hofladen. Das und noch viel mehr.

Lesedauer 3:45 Min

© tinografiert
Der Lauch steht aufrecht und stolz auf dem Feld hinter dem Wohnhaus. Daneben junger Kohlrabi und Fenchelknollen. In den Gewächshäusern warten die ersten Gurken auf die Ernte und Duft von frischer Silage mischt sich in die schwülwarme Luft. Im Hintergrund schlagen Feldhasen Haken auf den Betriebsflächen.

Die Kühe schnauben im Stall und hinter dem Holzverschlag gackert und scharrt das ein oder andere Huhn. Vereinzelt fährt ein Auto über den Hof und hält auf den dafür vorgesehenen Parkflächen. Etwas schleppend läuft der jugendliche Praktikant in seinen roten Gummistiefeln über den Asphalt. Robert Reichlmayer, der Betriebsleiter, tritt raschen Schrittes aus der knarzenden Holztür des Lagers. In der Hand kleine grüne Kisten mit frischem Gemüse grüßt er lächelnd die wartenden Kunden. Zügig betritt er den Hofladen, um die Vorräte aufzufüllen. In einer Stunde beginnt seine Mittagspause, aber schon zwei Stunden später stehen die Leute für den Einkauf wieder vor der Tür.

Verändertes Einkaufsverhalten seit der Pandemie

Doris und Robert Reichlmayr, beide Mitte 50, bewirtschaften auf dem Engelsberg bei Fürstenfeldbruck einen Öko-Betrieb mit 46 Hektar. Gemüseanbau, Kartoffeln und Getreide gehören ebenso dazu, wie die Mutterkuhhaltung und ein Hühnerstall mit 120 Hennen. Ihr Schwerpunkt liegt auf der Direktvermarktung. Woche für Woche werden es mehr Menschen, die ihr Gemüse und Obst direkt beim Erzeuger kaufen. In diesen unruhigen Zeiten fehlt es an Sicherheit, hier ist zumindest klar, wo die Lebensmittel herkommen. Regionalität wird den Kunden seit geraumer Zeit wichtiger, laut Ökobarometer des Bundesministeriums 2020. Eine ökologisch produzierte Papaya aus Ghana ist durch die lange Beförderung auch für viele Kunden nicht mehr „öko“ oder nachhaltig.

Der persönliche Kontakt kommt noch hinzu: In einer Phase, in der Abstand und Isolation lange auf der Tagesordnung standen, wird jeder kleine Austausch wichtig. Und die Namen ihrer Kunden, die kennt Doris Reichlmayr bereits nach sehr kurzer Zeit. Ebenso die jeweiligen Einkaufsvorlieben. „Die Leute kochen einfach seit der Pandemie wieder mehr“, erklärt sie. Gleichzeitig sichtet die zierliche Frau Waren, wiegt sie und tippt Zahlen in die Waage ein. Es muss schnell gehen, damit die Warteschlange nicht länger und die Kunden ungeduldig werden. Gutgelaunt erledigt sie flink die Abrechnungen. „Zu den Stoßzeiten kann es sich schon mal ordentlich stauen“, erklärt Frau Reichlmayr lachend.

Doris und Robert Reichlmayr

In seiner jetzigen Form besteht der Betrieb seit circa 25 Jahren. Die Aufgabenverteilung ist klar: Robert Reichlmayr bewirtschaftet die Flächen und Doris Reichlmayr organisiert und vermarktet die Ware. Bewirtschaftet wird nach den Richtlinien des Naturland-Verbandes. Das heißt kein chemischer Mineraldünger, keine chemischen Pflanzenschutzmittel, keine Gentechnik. Naturland, den internationalen Verband für ökologischen Landbau, gibt es seit rund vier Jahrzehnten. In Deutschland gehören ihm ungefähr 4200 Erzeuger an.

Öko-Landbau als Landwirtschaft der Zukunft?

Dass der Ökolandbau gesamt immer mehr an Boden gewinnt, zeigt sich an den steigenden Flächenanteilen. Und auch an den Erzeugern, die auf Bio umstellen. In den letzten zehn Jahren verdoppelte sich die Ökofläche in Deutschland. Eingerechnet sind alle Flächen, die einem Bioverband wie z.B. Naturland angehören. Aber auch verbandsfreie Flächen mit einer Bewirtschaftung nach der EU-Öko-Verordnung zählen dazu. Über die ganze Fläche sind das über 34.000 ökologische Betriebe in Deutschland. Landwirtschaftliche Betriebe in Umstellung zählen nicht. Die Umstellungszeit von Acker- und Grünlandflächen beträgt zwei Jahre. Danach werden die Erzeugnisse als Öko-Produkte ausgezeichnet und verkauft. Dann gehen auch sie in die Statistik ein. Der Betrieb Reichlmayr ist auch Mitglied bei BioRegio, einem bayernweiten Netz aus 100 langjährigen ökologisch wirtschaftenden Betrieben. Das Betriebsnetz ermöglicht einen vertieften Einblick in die Ökolandbaupraxis und fördert den Wissenstransfer zwischen Landwirtinnen und Landwirten. Dadurch soll es Umstellungsinteressierten erleichtert werden, kompetente Ansprechpartner unter Berufskollegen zu finden und von deren Erfahrungen zu lernen.

© Copyright-Text

Robert Reichlmayr kümmert sich neben der Bewirtschaftung der Flächen auch um die Hühner.

© Copyright-Text

Verschiedene Standbeine führen zum Erfolg

Ein weiteres Standbein der Reichlmayrs ist der Verkauf auf dem Bauernmarkt in Fürstenfeldbruck. Jeden Samstag von 8:00 bis 12:00 Uhr, in den Räumen des Kloster-Fürstenfelds, haben die Kunden eine breite Auswahl bei Produkten und Herstellern der Region. "Wir haben Stammkunden, die seit 25 Jahren hier einkaufen. Die schöne Atmosphäre ist ein Aspekt, ebenso die Qualität und die Vielfalt der Waren", sagt Robert Reichlmayr. Er betreut seinen Stand jeden Samstag persönlich. Zeitgleich verkauft seine Frau Doris im Hofladen Gemüse, Kartoffeln, Salat und Kräuter. Meist frisch geerntet von den Feldern oder im Winter direkt aus dem Lager. Bio-Eier von ihren freilaufenden Hühnern und ein breites Naturkostangebot ergänzen das Sortiment. Doris Reichlmayr achtet dabei auf kurze Anfahrtswege der Waren. Außerdem ist es ihr wichtig, Produkte von Partnerbetrieben mit gleichen Werten zu beziehen. Selbstgebackene Kuchen und Torten aus hofeigenem Dinkel runden ihr vielfältiges Angebot ab.

© Copyright-Text

Frisch vom Feld verkaufen die Reichlmayrs ihr Gemüse nicht nur im Hofladen, sondern auch auf dem Bauernmarkt.

© Copyright-Text

Der Tag im Hofladen neigt sich bereits dem Ende zu. Die Kunden warten gelassen, bis sie drankommen. Ein junger Vater, der mit seinen beiden Kindern jede Woche einkauft, grüßt die Wartenden. Er spaziert über den Hof und besucht die Hühner, um sie mit altem Brot zu füttern. Sobald er an der Reihe ist, rennen die Kinder an den kleinen Tisch neben der Eingangstüre und malen während seines Einkaufs. An den gähnend leeren Gemüsekisten lässt sich der erfolgreiche Verkauf heute erkennen. Übrig ist eher zugekaufte als eigene Ware. Eine große Frau mit beladenen Taschen seufzt „Oh, Ihr habt heute keinen Kohlrabi mehr, wie schade!“ Ihr Mann trägt die Taschen aus dem Laden. Sie geht zögernd hinterher, lässt den Blick schweifen, als frage sie sich, ob es nicht doch noch etwas gibt, das sie braucht.

Es ist 18:15 Uhr: Fertig für heute. Die Außenlampe schaltet sich über die Zeitschaltuhr automatisch ab. Doris Reichlmayr kehrt die letzten Brösel aus dem Brotregal, schließt die Käsetheke und lächelt müde. Gleich muss sie noch für morgen die Kuchen backen und Käse vorschneiden. Morgen früh, wenn es dämmert, geht dann Robert Reichlmayr mit langen Schritten wieder auf seine Felder. Dort erntet er jedes einzelne Gemüse für seine Kunden von Hand. In der Halle wäscht er es, lässt es abtropfen und stapelt es in die kleinen grünen Kisten. Danach trägt er alles, noch vor Sonnenaufgang, zügig in den Laden.

Engelsberger Hofladen | Familie Reichlmayr
Kreuth 1 | 82256 Fürstenfeldbruck
Öffnungszeiten: Do. und Fr. 09:00 – 13:00 Uhr und 15:00 – 18:00 Uhr Sa.: 09:00 – 13:00 Uhr

Text: Andrea Hügl
Bilder: © tinografiert

Schon gewusst?

Wissen, wo das Essen herkommt.

Bei der Direktvermarktung kommen die Produkte direkt vom Erzeuger – ohne Zwischenhandel. Sie werden meistens in Hofläden, auf Bauernmärkten, über Abo-Kisten oder direkt ab Hof verkauft. Die Produzenten bieten ausschließlich regionale Produkte und der Sozialkontakt und das Kundengespräch gehören fest dazu. Durch die kurzen Wege von Produktion zum Konsumenten wird die Umwelt geschont und die regionale Wirtschaft gestärkt. Als Verbraucher kann man sich direkt aus erster Hand über den Anbau oder die Produktion der Lebensmittel informieren. In Bayern wird die Zahl auf 4.000 bis 6.000 Direktvermarkter geschätzt.

„Du Lauch!“

Lauch wird auch Porree genannt und enthält viel Betacarotin und Insulin. Damit werden Körperzellen geschützt, man beugt Herzerkrankungen und Osteoporose vor und beeinflusst die Darmflora positiv. Lauch ist milder als die Verwandten Knoblauch, Bärlauch oder Zwiebel.

„Du Lauch“ wird jemand bezeichnet, der schüchtern, schmal und schlaksig daherkommt. Wales trägt den Lauch im Wappen: Die walisischen Soldaten statteten sich vor dem Kampf mit Lauch aus, damit sie Freund und Feind unterscheiden konnten. Außerdem glaubten sie, Lauch würde Krankheiten und Schmerzen lindern und Glück bringen.

Huhn und Ei.

Weltweit gibt es über 500 Hühnerrassen. Jedes Huhn hat in der Gruppe einen bestimmten Platz - das nennt man „Hackordnung“. Hühner und Küken kommunizieren miteinander noch während sie im Ei sind. Deshalb schlüpfen sie meist gleichzeitig. Ein Huhn ist ein Allesfresser, was auf die geringe Anzahl von 25 vorhandenen Geschmacksknospen zurückzuführen ist. Trotzdem können sie zwischen süß, salzig und sauer unterscheiden. Hühner können bis zu 15 Jahre alt werden und legen im Durchschnitt 294 Eier pro Jahr, also fast täglich ein Ei. Die Farbe des Eis ist genetisch bedingt. Hat ein Huhn farbige Ohrscheiben, sind die Eier meist braun, ein Huhn mit weißen Ohrscheiben legt weiße Eier. Eier enthalten ca. 6 g Eiweiß, ca. 5 g Fett und Kalzium, Phosphor, Eisen und Lecithin.

Fenchel – eine wertvolle Knolle.

Fenchel gehört zu den Doldenblütengewächsen und stammt aus Südeuropa. Die Gemüsepflanze benötigt zwei Jahre Wachstumszeit und kann daher nur in geringen Mengen geerntet werden. Es wird unterschieden zwischen zwei Fenchelarten – dem Bitter- und dem Süßfenchel. Fenchel ist eine Wurzel, die gegen Husten, Blähungen, bei Krämpfen, Kopfschmerzen oder Schlaflosigkeit hilft. Fencheltee gehört neben Kamillen- und Pfefferminztee zu den beliebtesten Kräuterteesorten. In der Küche kann er bspw. als Salat, Gemüsebeilage, als Suppe oder die Samen für Brot verwendet werden.

Nach oben
Diesen Beitrag teilen...

Weitere spannende Themen für Dich

© Naturland
N-MACHEN

Mit Henne UND Hahn: Ein Landwirt setzt sich für Bruderküken ein

100 Prozent Gleichberechtigung – das ist die Devise von Fabian Häde. Auch und gerade auf seinem Geflügelhof. Hier werden Bruderhähne genauso wie ...
© Domäne Homburger Hof
N-MACHEN

Gin, Trüffel und Rinderfilet – edler geht bio nicht

Auf der Domäne Homburger Hof arbeiten Guts-Verwalter Christoph Weeber und sein Team nach der Philosophie „Ehrlich. Natürlich. Gut.“ So reicht es ...
© 2020, Magazin N wird herausgegeben von Naturland e.V.
Folge Naturland auf Social Media
Naturland Logo