Wo man die Plantage vor lauter Bäumen nicht sieht

In dem karibischen Inselstaat Dominikanische Republik im sogenannten Kakaogürtel lebt und arbeitet Juana Maria Vicente Garcea. Die Kleinbäuerin ist eine von etwa 4.000 Landwirt:innen weltweit, die unter den strengen Naturland Richtlinien fairen Bio-Kakao anbauen. Ihr Erfolgsgeheimnis hat einen Namen: Agroforst. Das schont die Umwelt, sorgt für ein besseres Mikroklima und bringt für sie und ihre Familie mehr Sicherheit.

Lesedauer 2:30 Min

© Naturland / Christian Nusch
Man muss schon zweimal hinschauen, um zu sehen, dass es sich bei der Pflanzung von Juana Maria Vicente Garcea um ein Feld und nicht um einen natürlich gewachsenen Wald handelt. Zwischen dem Kakao wachsen Orangen und Bananen, Avocados und Mangos und viele andere Bäume. Dahinter steckt ein Konzept: Agroforstwirtschaft.

„Seit wir auch andere Bäume wachsen lassen, hängt unsere Existenz nicht mehr allein von einer guten Kakaoernte ab, denn unser Feld versorgt uns mit vielen verschiedenen Früchten. Es sind so viele, dass wir sie auf dem lokalen Markt verkaufen können“, erzählt die Bäuerin, die Genossin bei der Naturland zertifizierten Kakao-Kooperative Cooproagro in der Dominikanischen Republik ist.

„Über hundert verschiedene Pflanzenarten gedeihen hier auf unserer Plantage – diese Biodiversität ist außergewöhnlich.“

Neben der finanziellen Unabhängigkeit der Familie vom Kakao-Export sorgt dieses landwirtschaftliche Konzept vor allem auch für mehr Artenvielfalt und Klimaschutz. „Wir sorgen dafür, dass es auf den Feldern eine hohe Biodiversität gibt“, erklärt Johan Heredia, einer der Agraringenieure von Cooproagro. Dazu gehören nicht nur die Obstbäume, sondern auch viele andere Pflanzen, wie Bromelien, Farne und verschiedene Schlingpflanzen.

Auch die Liste der Tiere, die Juana auf ihrem Feld entdeckt hat, ist lang. Sie reicht von Kolibris, Spechten und Reihern bis zu verschiedenen Frosch-, Schlangen- sowie Schmetterlingsarten und anderen Insekten.
„Wenn ich einen fruchtbaren Boden haben möchte, muss ich dafür sorgen, dass sich die Erde selbst versorgen kann. Das erreiche ich am besten durch viele verschiedene Pflanzen, die alle unterschiedliche Beiträge zur Zusammensetzung des Humus leisten. So muss ich keinen künstlichen Dünger einsetzen. Denn der würde den Boden auf Dauer auslaugen“, erklärt Juana, deren Vater bereits Mitglied der Kooperation war. Nach dessen Tod übernahm sie zunächst nur die Pflanzung, entschloss sich dann aber 2014, auch Cooproagro beizutreten.
Jede Pflanze leistet ihren spezifischen Beitrag, wie zum Beispiel der Amapolabaum. Mit ihren tief reichenden Wurzeln gelangen diese Bäume an Nährstoffe, die von den kleineren Kakaobäumen in höheren Schichten nicht erreicht werden. Außerdem: „Der Amapola gibt dem Kakao Schatten, sorgt für ein kühleres Mikroklima und versorgt ihn zusätzlich mit Nitraten.“ Ein wichtiger Beitrag in Zeiten des Klimawandels.

„Statt einen Arbeiter für das Sprühen anzustellen, bezahle ich vier Männer, die das Laub wegharken. Öko-Anbau hat eben seinen Preis.“

Das Naturland Fair Siegel garantiert einen fairen Kakao-Preis.

Wenn sie statt der vielen Obstbäume nur die Exportfrucht anbauen würde, könnte Juana kurzfristig mehr Kakaobohnen ernten und höhere Gewinne einfahren. Doch nach kürzester Zeit würde die Monokultur ihr Feld anfälliger für Pilze und andere Krankheiten machen. „Statt mit Pestiziden zu arbeiten, entferne ich die Blätter rund um die befallenen Bäume und lasse die Sonne den Pilz im Boden austrocknen“, erklärt die dreifache Mutter ihr Vorgehen, wenn es trotzdem einmal zu befallenen Pflanzen kommt.

Durch den Öko-Anbau nach Naturland Richtlinien und das System Agroforst verzichtet Juana auf möglichen Ertrag, erspart aber somit allen die Folgekosten, die bei konventionellen Anbaumethoden durch die Belastung des Wassers und des Bodens langfristig entstehen. Um das auszugleichen, erhält die Bäuerin für ihren Bio-Kakao eine Prämie. Außerdem profitiert sie davon, dass ihr Naturland Fair zertifizierte Kakao nach den Regeln des Fairen Handels eingekauft wird, also nicht nur den aktuellen Börsen- sondern einen fest vereinbarten Mindestpreis für den Kakao bezahlt. „Der Handel mit Naturland Kakao ist nicht nur gut für mich, sondern für das ganze Dorf. Mit der Fairhandelsprämie wurde die Kirche renoviert, ein Gemeindezentrum gebaut und eine Brücke erneuert, die der Fluss nach einem heftigen Regen weggeschwemmt hatte.“ So hilft die Zusammenarbeit mit Naturland nicht nur dabei, umweltschonend zu produzieren, sondern auch, die Folgen des Klimawandels zu bezahlen.

© Copyright-Text

Juana Maria ist überzeugt von Agroforstwirtschaft.

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Bilder: © Naturland / Christian Nusch

Schon gewusst?

Der Kakaogürtel

Der insgesamt 2.200 km umfassende Kakaogürtel verläuft entlang des Äquators und durchzieht insgesamt vier Kontinente: Mittel- und Südamerika, Afrika und Asien. Seinen Namen bekommt er daher, dass der Kakao in den tropischen Regenwäldern nördlich und südlich des Äquators unter den richtigen klimatischen Bedingungen wachsen kann. Dabei braucht er viel Regen, eine hohe Luftfeuchtigkeit – und das bei konstanten Temperaturen von 25 bis 30 Grad. Der Anbau in einem ökologischen Agroforstsystem ist dabei ideal für die Kakaobäume: Als Schattenbaum benötigen sie größere, schattenspendende Bäume um sich herum.

Auf den Spuren des Kakaos

Seinen Ursprung hat der Kakao in Mittel- und Südamerika. Dort haben die Ureinwohner bereits vor mehreren tausend Jahren Kakao verarbeitet und konsumiert, wie z.B. Kakaoreste in 5.000 Jahre alten Tonscherben aus Ecuador verraten. Heute zählt der Kakao in Ländern wie Ecuador, Peru, Kolumbien oder der Dominikanischen Republik zu wichtigen Exportgütern, insbesondere der Edelkakao. Von den rund 4,4 Millionen Tonnen Kakaobohnen, die jährlich geerntet und verarbeitet werden, stammen jedoch gut drei Viertel aus Afrika. Vor allem westafrikanische Länder sind besonders fruchtbar. Noch vor Ghana und Nigeria ist die Côte d'Ivoire dabei Hauptexporteur.
Übrigens: Im Schoko-Konsum sind wir Deutschen mit einem jährlichen Pro-Kopf-Verbrauch von 9,2 kg Schokolade Vize-Weltmeister. Nur die Schweizer sind noch verrückter nach Schoki.

Öko-fairer Kakao – besser für Bauern und Natur

Kakaoanbau ist ein boomendes Geschäft. Trotzdem leben die meisten Kakaobäuer:innen in Armut. Einer der Gründe dafür sind die an den Weltmarkt gebundenen niedrigen und schwankenden Kakaopreise. Aber auch Probleme in den Produktionsländern wie eine mangelnde Organisation der Bäuer:innen, unsichere Landrechte oder eine unzureichende Infrastruktur erschweren die Situation der Erzeuger. Der Faire Handel versucht, den Problemen entgegen zu wirken: Faire Preise und partnerschaftliche Handelsbeziehungen wie mit dem Öko-Verband Naturland ermöglichen den Erzeugern, ihre Situation zu verbessern. Zudem schont der ökologische Anbau die Umwelt, wie etwa mit dem Verzicht auf synthetische Spritzmittel.

Die, die es besser machen

Der Absatz von Schokolade mit Fairtrade-Siegel steigt in Deutschland über die letzten Jahre stetig an. Im Jahr 2020 trugen bereits 49 Prozent zusätzlich das Bio-Siegel. Kleinbauernkooperativen wie Cooproagro in der Dominikanischen Republik gehen mit gutem Beispiel voran. Hier wird Bio-Kakao nach Naturland Richtlinien produziert. Abnehmer des fairen Bio-Kakaos ist unter anderem die GEPA, die sich bereits seit 1975 für Fairen Handel einsetzt. Traditionell stärker verbreitet ist der Öko-Anbau in Süd- und Mittelamerika, in Westafrika spielt der Bio-Kakaoanbau bisher eine untergeordnete Rolle – jedoch berät Naturland gemeinsam mit der GEPA bereits eine Kooperative in Kamerun zur Umstellung auf ökologische Landwirtschaft.

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