Wilde Agaven, willkommene Würmer

Aus Agaven gewonnener Dicksaft gilt als gesunder Ersatz für Zucker und ist als Süßungsmittel inzwischen so beliebt, dass die Pflanze in Mexiko zunehmend in riesigen Monokulturen angebaut wird. Naturland zeigt, dass es besser geht: Sein Agavendicksaft stammt aus nachhaltiger Wildsammlung.

Lesedauer 4:30 Min

© Naturland / Christian Nusch
Die Männer, die zwischen Kakteen und stacheligen Sträuchern unterwegs sind, sehen verwegen aus. Sie tragen frisch geschliffene Macheten und Eisenstäbe mit rasiermesserscharfen blattförmigen Klingen. Auf der Suche nach den mitunter fast mannshohen Agaven durchstreifen sie die Wildnis.

Während José Espinoza Molina die trockenen Blätter der Agave abhackt, passt er auf, deren nadelspitzen Enden nicht zu nahe zu kommen. Dann hebt er schwungvoll seine fünf Kilo schwere coa hoch und rammt sie mit Wucht knapp über dem Boden in das Herz der Agave. Ein paar kräftige Schläge  - und das saftige Herz der Pflanze ist zum Abtransport bereit.

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Im ersten Arbeitsschritt werden die Agaven von den spitzen Blättern befreit.

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Willkommen bei der Ernte in der Halbwüste von Zacatecas in Mexiko: So wie José hat auch schon sein Großvater Agaven geerntet. Anders als früher binden sich die Männer zwar keine Jutesäcke, sondern Hebegurte um den Leib, um die Leiste zu schonen. Und sie tragen Schutzkleidung. Doch die Arbeit an sich hat sich nicht verändert. Einen erheblichen Unterscheid gibt es allerdings: Josés Großvater arbeitete noch für den Besitzer der Hacienda Santiago. Er war über Schuldknechtschaft auf Lebenszeit an die Hazienda gefesselt. Erst nach der mexikanischen Revolution und mit der Landreform der 1930er Jahren wurden die Großgrundbesitzer enteignet. Aus der Hacienda Santiago wurde das „Ejido Santiago“, ein 7600 Hektar großes Stück Land, das der Gemeinschaft der Familien der ehemaligen Landarbeiter gehört. Jedes Mitglied darf das Land nutzen, individuellen Besitz hat jedoch keiner daran.

Dass die Familie von José jetzt nicht mehr abhängig war, hieß nicht, dass sie besser lebten. „Ich war zwölf Jahre alt, als ich anfing zu arbeiten. Mein Vater konnte es sich nicht leisten, mich zur Schule zu schicken“, erzählt der 57-Jährige. Die Mitglieder des Ejidos ernteten zwar auf dem weitgehend sich selber überlassenen Land ihre Agaven. Doch sie konnten es sich nicht leisten, ihre Ernte weiterzuverarbeiten, sondern mussten sie den Aufkäufern überlassen. Erst seit ihre Agaven Bio-zertifiziert sind und der daraus verarbeitete Dicksaft höhere Preise erzielt, ernährt die Arbeit von José und seinen Erntekollegen die Familien hier gut.

Eine Agave ist frühestens nach acht Jahren erntereif.

„Dem Ejido Santiago konnten wir guten Gewissens eine Bio-Zertifizierung geben.“

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Ein Agavenherz wiegt zwischen 45 und 70 Kilo.

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„Dem Ejido Santiago konnten wir guten Gewissens eine Bio-Zertifizierung geben“, sagt der Mitarbeiter von Naturland in Mexiko, José Matehuala Hernández. „Weil hier noch nie kommerziell angebaut wurde, war eine Umstellung auf Bio-Anbau nicht notwendig. Und dafür, dass die Wildsammlungen nachhaltig bleiben, sorgen nicht nur die Kontrollen durch Naturland, sondern auch die staatlichen Inspektoren des Umweltministeriums.“

Dass José Espinoza und seine Genossen gerne an den Wildsammlungen festhalten, liegt nicht nur an dem höheren Preis für die Bio-Agave. Auf Pestizide zu verzichten, beschert den Familien ein zusätzliches Einkommen: durch den proteinhaltigen Agavenwurm. „Gift zu versprühen wäre dumm, denn dann würde der Agavenwurm verschwinden“, meint José.

„Wenn wir unsere Kühe hüten, sammeln wir nebenbei die Würmer ein."

Die Kühe fressen die abgeschlagenen Blätter und sorgen gleichzeitig für Düngung.

Richtet der Wurm denn keinen Schaden an? „Doch, das tut er.“ José zeigt auf einen dunklen Kanal, der durch das Herz einer Agave gebohrt wurde. „Aber diese Würmer sind auch sehr nützlich. Wir sammeln und essen sie, um uns mit Proteinen zu versorgen.“ Maden und Insekten zu essen hat in Mexiko eine lange Tradition. Insgesamt gibt es im Land 375 essbare Arten. Doch weil so viele Pestizide verwendet werden, sind sie inzwischen selten und damit teuer geworden.

„Wenn wir unsere Kühe hüten, sammeln wir nebenbei die Würmer ein“, sagt José und beschreibt, wie er mit einer Art langer Häkelnadel die Larven aus den Löchern zieht. „Was wir nicht selber essen, verkaufen wir an einen Zwischenhändler, der sie an Restaurants in der Hauptstadt liefert.“  

Das, was José mit seinen zertifizierten Agaven und den Würmern verdient, reicht um eine neunköpfige Familie zu versorgen. „Reich sind wir nicht. Aber wir haben, was wir brauchen.“

Bilder: © Naturland / Christian Nusch

Schon gewusst?

Ist Agavendicksaft gesünder als Zucker?

Agavendicksaft ist etwas süßer als normaler Zucker und besitzt dennoch weniger Kalorien. Nämlich nur 310 pro 100 Gramm, während Zucker etwa 400 kcal pro 100 Gramm enthält. Das bedeutet, dass bei gleicher Süße weniger Sirup verwendet werden muss. Im Zuckerersatz sind verschiedene Mineralstoffe, sekundäre Pflanzenstoffe und Spurenelemente enthalten. Ein weiterer Vorteil ist der geringe Glykämische Index von ca. 20 Prozent. Normaler Haushaltszucker hat hingegen einen Index von ca. 70 Prozent. Dadurch steigt und fällt der Blutzuckerspiegel deutlich langsamer, sodass Heißhunger keine Chance hat.

Tequila aus dem Herzen der Agave

Neben Agavendicksaft wird noch ein weiteres Produkt aus der Agave gewonnen: der Tequila, das Nationalgetränk Mexikos. Tequila ist eine Form der Spirituose Mezcal, eines Agaven-Brands aus Mexiko, und wird in der Umgebung der Stadt Tequila im mexikanischen Bundesstaat Jalisco sowie weiteren Staaten aus dem Herzen der blauen Agave (Agave tequilana Weber, Agavaceae) gewonnen. Durchschnittlich dauert es acht bis neun Jahre bis eine Agave geerntet werden kann. Das Innere der Agave, Herz oder auch Piña genannt, wird in Öfen zwischen 60 und 85 °C für 24 bis 36 Stunden unter Dampf gegart.

Eine Fledermaus, die auf Tequila steht

Eigentlich steht die “Große Mexikanische Blütenfledermaus” alias Tequila-Fledermaus ja mehr auf die Pflanze, aus der der Tequila gewonnen wird. Ohne sie würde man vermutlich nicht in den Genuss des mexikanischen Schnaps kommen. Auf der Suche nach Nahrung fliegt sie blühende Wüstenpflanzen an. Ihre Tour von Pflanze zu Pflanze hat dabei keineswegs nur Vorteile für sie selbst. Die Tiere helfen den Agaven, im Austausch für Nektar, bei Bestäubung und Verbreitung. Sie sind sogar die wichtigsten Bestäuber der Agaven. Durch den zunehmenden Anbau von Agaven-Monokulturen ist ihr Bestand bedroht, daher sind nachhaltige Agaven-Wildplantagen wie sie Naturland Betriebe betreiben sehr wichtig für den Schutz der Fldermäuse.

Erster Naturland Kaffee kommt aus Mexiko

Naturland ist mit 140.000 Erzeugerinnen und Erzeugern der größte internationale Bio-Verband. 1986 wurde in Mexiko der erste Naturland Kaffee von Kleinbauern zertifiziert. Bis heute ist Mexiko eines der Hauptanbau-Länder für Naturland Kaffee. Andere Produkte wie Honig und Orangen sind seitdem hinzugekommen. Insgesamt 3.025 Bäuerinnen und Bauern, Imkerinnen und Imker wirtschaften heute in Mexiko nach den Naturland Richtlinien. Inbesondere die Kaffeebauern sind dabei in sogenannten "Kleinbauern-Kooperativen" organisiert, was ihnen erleichtert, faire Preise für ihre Kaffeebohnen herauszuhanden und so eingeregeltes Einkommen für sich und ihre Familien ermöglicht.

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